Schlaf und Abend
Die Abendroutine, die auch mit mehreren Kindern trägt
Eine Abendroutine ist kein Zeitplan, sondern eine Reihenfolge. Welche fünf Bausteine sie braucht, warum der Abschluss der wichtigste ist.
Von Sarah Mann · 12 Minuten Lesezeit

Es gibt eine Vorstellung von Abendroutine, die in vielen Ratgebern steht und im echten Leben nicht funktioniert: Ein Zeitplan mit Uhrzeiten.
19:00 Abendessen. 19:20 Baden. 19:40 Buch. 20:00 Licht aus.
An dem Abend, an dem der Kindergarten später aufhört, das Essen anbrennt oder ein Kind Fieber bekommt, ist der Plan hinfällig, und mit ihm die Routine.
Eine Routine, die trägt, ist kein Zeitplan. Sie ist eine Reihenfolge.
Die fünf Bausteine
| Baustein | Was passiert | Wozu er da ist |
|---|---|---|
| Ankündigung | „In zehn Minuten räumen wir auf“ | Kein Übergang aus dem Nichts |
| Übergang | Aufräumen, Zähne, Schlafanzug | Vom Tag ins Bett, immer gleiche Abfolge |
| Ruhe | Buch, Lied, Erzählen | Herunterkommen, vorher festgelegte Menge |
| Abschluss | Immer derselbe Satz, dieselbe Geste | Der Punkt, an dem der Abend endet |
| Begleitung | Da sein, ohne Programm | Ankommen, nichts Neues mehr |
Die Reihenfolge ist wichtiger als jede Uhrzeit, weil sie einem Kind sagt, wo es gerade ist. Ein Kind, das im Schlafanzug ist, weiß: Gleich kommt das Buch. Und nach dem Buch kommt der Abschluss.
Das ist Vorhersehbarkeit, und Vorhersehbarkeit ist im Kern das, was ein Abend leisten muss.
Der Baustein, der am meisten entscheidet
Von den fünf ist einer wichtiger als alle anderen: der Abschluss.
Er ist auch der, der in den meisten Familien fehlt.
Ohne einen erkennbaren letzten Punkt bleibt der Abend offen. Und ein offener Abend wird gedehnt, weil ein Kind herausfinden muss, wo er endet.
Ein guter Abschluss ist:
- Immer gleich. Derselbe Satz, dieselbe Geste, an derselben Stelle.
- Nach allen Wünschen, nicht davor.
- Klar erkennbar, auch für ein kleines Kind.
- Freundlich, nicht streng.
- Und danach folgt nichts Neues mehr. Kein Lied, kein Gespräch, keine Frage.
Bei uns war es jahrelang dasselbe: Das Licht in eine bestimmte Position drehen, eine Hand auf den Rücken, ein Satz. Danach wurde nicht mehr geredet.
Ein Kind, das diesen Punkt kennt, hört auf zu prüfen. Nicht weil es aufgegeben hat, sondern weil es die Antwort hat.
Was vorher entschieden wird
Der zweite große Hebel, und er hat mit dem Ablauf selbst nichts zu tun.
Um halb acht abends, wenn du müde bist und dein Kind quengelt, entsteht keine gute Entscheidung. Es entsteht die mit dem geringsten Widerstand.
Deshalb: Wie viele Bücher es gibt, entscheidest du am Nachmittag, nicht im Bett.
Zwei Bücher, entschieden am Nachmittag, sind ein Rahmen. Zwei Bücher, entschieden im Bett, sind ein Angebot, über das man reden kann.
Dasselbe gilt für alles andere: Wie viele Nochmal-Wünsche, ob noch getrunken wird, ob das Licht anbleibt. Warum das der eigentliche Kern der Sache ist, steht in Warum der Abend zeigt, wie es tagsüber läuft.
Die Stunde davor
Ein Punkt, der oft übersehen wird: Die Routine beginnt vor der Routine.
Ein Kind braucht ungefähr eine Stunde, um von hoher Erregung herunterzukommen. Was in dieser Stunde passiert, entscheidet mit darüber, wie der Abend läuft.
Ungünstig sind in dieser Zeit: Bildschirme, Toben, Besuch, aufregende Spiele, Streitthemen, große Gespräche.
Günstig sind: Gedämpftes Licht, ruhige Beschäftigung, wenig Neues.
Das ist kein Verbot von Spaß am Abend. Es ist eine Beobachtung darüber, was danach passiert.
Mit mehreren Kindern
Hier scheitern die meisten Ratschläge, weil sie stillschweigend von einem Kind ausgehen.
Parallel funktioniert selten. Zwei Kinder im selben Zimmer halten sich gegenseitig wach, und beide bekommen halbe Aufmerksamkeit. Das verlängert den Abend für alle.
Was funktioniert, ist Staffeln. Drei Varianten, je nach Familie:
Nach Alter. Das jüngere Kind geht früher, das ältere bekommt danach seine Zeit. Für das ältere ist das kein Nachteil, sondern ein Privileg.
Gemeinsamer Teil, getrennter Schluss. Zähne, Schlafanzug und das erste Buch zusammen. Danach bekommt jedes Kind fünf Minuten allein.
Aufteilen, wenn zwei Erwachsene da sind. Auch unregelmäßig, auch nicht jeden Abend gleich. Wichtig ist nur, dass jeder Erwachsene in sich verlässlich ist.
Und ein realistischer Zusatz: Ein Abend mit drei Kindern ist keine längere Version desselben Abends mit einem Kind. Er ist eine andere Aufgabe, und er darf länger dauern.
Wenn die Routine plötzlich nicht mehr wirkt
Das passiert regelmäßig, und meistens liegt es nicht an der Routine.
Ein Kind ist aus seinem Rhythmus herausgewachsen. Der häufigste Grund. Der Schlafbedarf sinkt über die Jahre, und eine Schlafenszeit, die vor einem halben Jahr gepasst hat, ist heute zu früh. Symptom: Das Kind liegt lange wach und ist dabei fröhlich.
Der Mittagsschlaf hat sich verändert. Zu lang, zu spät oder ganz weggefallen: Alle drei verändern den Abend deutlich.
Ein Entwicklungsschritt. Es gibt Phasen, in denen Kinder insgesamt unruhiger schlafen. Sie gehen vorbei.
Oder eine Veränderung im Alltag. Kita-Start, Umzug, ein Geschwisterkind, Krankheit in der Familie. Übergänge kosten Reserve, oft wochenlang. Mehr dazu in Warum Übergänge so schwer sind.
Bevor du den Ablauf umbaust, prüf die Schlafenszeit. In sehr vielen Fällen löst eine Verschiebung um zwanzig Minuten das Problem, für das man gerade eine neue Methode gesucht hätte.
Der Umbau
Wenn du etwas ändern willst, ändere eine Sache, nicht drei.
Meistens ist der Abschluss der beste Anfang, weil er sofort einführbar ist und weil er den Nochmal-Kreislauf beendet.
Rechne mit zwei bis drei Abenden, die schlechter werden als vorher. Dein Kind hat gelernt, dass der Abend verhandelbar ist, und wird prüfen, ob das noch stimmt.
Nach sieben bis vierzehn Tagen ist der Abend in aller Regel deutlich kürzer. Nicht weil dein Kind resigniert hat, sondern weil es nicht mehr herausfinden muss, woran es ist.
Quellen und weiterführende Informationen
- American Academy of Pediatrics: Bedtime Routines for School-Aged Children, warum eine feste Abendroutine wirkt
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Schlafen, Schlafbedarf und Schlafgewohnheiten nach Alter
Häufige Fragen
Wie sieht eine gute Abendroutine aus?
Sie besteht aus fünf Bausteinen in immer derselben Reihenfolge: Ankündigung, Übergang, Ruhe, Abschluss, Begleitung. Die Uhrzeiten sind dabei zweitrangig, die Reihenfolge ist das Entscheidende, weil sie einem Kind sagt, wo es gerade ist.
Wie lange sollte eine Abendroutine dauern?
Zwanzig bis vierzig Minuten sind bei den meisten Familien realistisch, gerechnet ab dem Übergang. Deutlich längere Abende sind meist ein Zeichen für eine zu frühe Schlafenszeit, zu viel Reiz davor oder ein fehlendes Ende.
Ab wann lohnt sich eine Abendroutine?
Von Anfang an, nur sieht sie in jedem Alter anders aus. Bei einem Baby ist es eine sehr kurze, immer gleiche Abfolge. Je älter ein Kind wird, desto mehr Bausteine kommen dazu, und desto wichtiger wird der klare Abschluss.
Wie mache ich das mit mehreren Kindern?
Gestaffelt statt parallel. Zwei Kinder gleichzeitig zu begleiten funktioniert selten, weil sie sich gegenseitig wach halten und beide halbe Aufmerksamkeit bekommen. Besser: Unterschiedliche Zeiten oder ein gemeinsamer Teil und danach kurze Einzelzeit.
Muss die Routine jeden Abend gleich sein?
Die Reihenfolge ja, die Uhrzeit nicht unbedingt. Eine Routine wirkt über die Wiedererkennbarkeit, nicht über die Uhr. Deshalb funktioniert sie auch im Urlaub und bei Besuch, wenn man die Abfolge beibehält.
Was mache ich, wenn die Routine plötzlich nicht mehr wirkt?
Meist hat sich etwas anderes verändert: Der Mittagsschlaf, die Kita-Zeiten, ein Entwicklungsschritt, eine Erkrankung. Bevor du den Ablauf umbaust, lohnt ein Blick auf die Schlafenszeit. Sehr oft ist ein Kind schlicht aus seinem alten Rhythmus herausgewachsen.


