Geschwister unter einem Dach
Gerecht heißt nicht gleich
Wer allen dasselbe gibt, wird niemandem gerecht. Warum der Vergleich unter Geschwistern nie aufhört, welche Antwort ihn beendet und wo Gleichbehandlung trotzdem richtig ist.
Von Sarah Mann · 11 Minuten Lesezeit

„Sie hat mehr bekommen.“
Man kann diesen Satz in jeder Familie mit mehr als einem Kind hören, und er kommt zuverlässig, egal wie sorgfältig abgemessen wurde. Er kommt bei zwei Kindern und er kommt bei sieben.
Viele Eltern reagieren darauf mit noch genauerem Abmessen. Zwei gleich große Stücke. Zwei gleich teure Geschenke. Zwei gleich lange Vorlesezeiten.
Und es funktioniert nicht. Nicht, weil man zu ungenau misst, sondern weil die Frage keine Frage nach Mengen ist.
Was ein Kind wirklich fragt
Hinter „sie hat mehr bekommen“ steht selten ein Interesse an dem Stück Kuchen. Dahinter steht eine andere Frage, und sie lautet ungefähr: Bin ich hier genauso wichtig?
Diese Frage lässt sich mit Kuchen nicht beantworten. Man kann sie nur mit Kuchen ablenken, und zwar für ungefähr vier Minuten.
Deshalb hört das Vergleichen auch nicht auf, wenn man immer genauer wird. Es wird schlimmer, weil das Kind lernt, dass hier tatsächlich gerechnet wird, und dass es sich lohnt, mitzurechnen.
Der Unterschied, an dem alles hängt
| Gleich behandeln | Gerecht behandeln |
|---|---|
| Jedes Kind bekommt dasselbe | Jedes Kind bekommt, was es braucht |
| Der Maßstab ist das andere Kind | Der Maßstab ist dieses Kind |
| Führt zu Aufrechnung | Führt zu Sicherheit |
| Funktioniert bei Kuchen | Funktioniert bei allem anderen |
| Erzeugt ständigen Vergleich | Macht den Vergleich überflüssig |
Ein Kind, das eine Brille braucht, bekommt eine Brille. Das Geschwisterkind bekommt keinen Ausgleich dafür, dass es gut sieht. Das leuchtet allen sofort ein.
Genauso ist es mit Zeit, Nähe, Geduld und Unterstützung. Nur fällt es dort schwerer, weil es sich nicht so eindeutig messen lässt.
Die Antwort, die den Vergleich beendet
Es gibt einen kurzen Satz, der besser wirkt als jede Erklärung. Er hat zwei Teile und keinen dritten.
„Du hättest das auch gern. Das verstehe ich.“
Und dann nichts mehr. Keine Begründung, warum das andere Kind es bekommen hat. Keine Aufzählung, was dieses Kind letzte Woche bekommen hat. Kein Vergleich.
Der Grund ist einfach: Sobald du dich rechtfertigst, hast du die Rechnung eröffnet. Und in einer Rechnung findet ein Kind immer einen Posten, der auf seiner Seite fehlt. Es gibt keine Aufstellung, die ein Kind zufriedenstellt, weil es nicht um die Aufstellung geht.
Wo Gleichbehandlung trotzdem richtig ist
Es gibt Bereiche, in denen Gleichheit kein Ersatz für Gerechtigkeit ist, sondern selbst gerecht.
Bei Anlässen. Zu Weihnachten und zum Geburtstag hilft eine grobe Gleichheit im Wert, weil der Anlass symbolisch ist. Hier zählt nicht der Bedarf, sondern das Zeichen.
Bei Regeln. Was für das eine Kind gilt, gilt für das andere im selben Alter genauso. Regeln dürfen sich nach Alter unterscheiden, nicht nach Sympathie und nicht nach Tagesform.
Beim Zuhören. Jedes Kind darf seine Version erzählen, und zwar bis zum Ende. Das ist die einzige Sorte Zeit, die tatsächlich gleich verteilt gehört.
Der Satz, der Rollen festschreibt
Es gibt eine Formulierung, die sehr harmlos klingt und viel Schaden anrichtet, weil sie sich in ein Kind einbrennt.
„Der ist eben der Wilde.“ „Sie ist unsere Sensible.“ „Das ist der Vernünftige.“
Das sind keine Beschreibungen, das sind Zuweisungen. Und Kinder übernehmen sie, weil sie von den wichtigsten Menschen ihres Lebens kommen. Der Wilde wird wilder. Die Sensible traut sich weniger zu. Und der Vernünftige hört auf zu sagen, wenn es ihm schlecht geht, weil das nicht zu seiner Rolle passt.
Der Ausweg ist eine Formulierung, die dieselbe Beobachtung enthält, ohne die Person festzulegen: Nicht „du bist“, sondern „gerade ist“. Nicht „der Wilde“, sondern „heute hattest du viel Schwung“.
Was zu tun ist, wenn ein Kind wirklich mehr braucht
Manchmal braucht ein Kind über Monate mehr, weil es krank ist, weil es in der Schule leidet, weil eine schwere Zeit ist. Und die anderen merken es.
Dann hilft nicht, es zu verstecken. Kinder merken es ohnehin, und was sie sich ohne Erklärung zusammenreimen, ist meist schlimmer als die Wahrheit.
Was hilft, ist ein Satz, der die Lage benennt, ohne das Kind zum Problem zu machen: „Bei deinem Bruder ist gerade viel los, und ich bin oft bei ihm. Das ist für dich blöd. Deine Zeit mit mir bleibt trotzdem, jeden Tag.“
Und dann muss diese Zeit auch tatsächlich bleiben. Genau daran entscheidet sich, ob der Satz etwas wert war.
Der Satz zum Mitnehmen
Kinder wollen nicht dasselbe wie ihr Geschwisterkind. Sie wollen die Sicherheit, dass sie bekommen, was sie brauchen. Wer anfängt zu messen, bestätigt, dass hier gemessen wird. Wer aufhört zu rechtfertigen, nimmt dem Vergleich den Sinn.
Quellen und weiterführende Informationen
- IFP Familienhandbuch: Geschwisterrivalität — Prof. Hartmut Kasten zu Rivalität, Vergleich und elterlicher Ungleichbehandlung.
- Aha Parenting: Sibling rivalry — Laura Markham zur Frage, warum Fairness und Gleichheit nicht dasselbe sind.
- Deutsches Jugendinstitut — Forschungsstelle für Kindheit und Familie mit Veröffentlichungen zu Familienstrukturen und Geschwisterkonstellationen.
Häufige Fragen
Muss ich meine Kinder gleich behandeln?
Nein, und der Versuch führt in eine Sackgasse. Kinder sind unterschiedlich alt, unterschiedlich weit und brauchen Unterschiedliches. Was sie brauchen, ist nicht dasselbe, sondern die Sicherheit, dass jedes von ihnen bekommt, was es braucht. Das ist etwas anderes.
Mein Kind sagt ständig, das sei ungerecht. Was antworte ich?
Nicht rechtfertigen und nicht aufrechnen. Ein Satz reicht: „Du hättest das auch gern. Das verstehe ich.“ Danach nichts weiter. Wer sich erklärt, macht die Rechnung auf, und in einer Rechnung findet ein Kind immer einen Posten, der fehlt.
Soll ich allen gleich viele Geschenke machen?
Bei Anlässen wie Weihnachten hilft eine grobe Gleichheit im Wert, weil sie Streit vermeidet. Bei allem anderen nicht. Ein Kind, das eine Brille braucht, bekommt eine Brille, ohne dass das andere einen Ausgleich erhält.
Wie gehe ich mit unterschiedlichen Schlafenszeiten um?
Offen und ohne Entschuldigung. Unterschiedliche Zeiten nach Alter sind gut nachvollziehbar, wenn sie verlässlich sind und nicht ausgehandelt werden. Sie werden zum Problem, wenn sie schwanken.
Warum vergleichen Geschwister ständig?
Weil sie um dieselbe knappe Ressource konkurrieren: Eure Aufmerksamkeit. Der Vergleich ist kein Charakterzug, sondern eine Messmethode. Er hört auf, wenn das Kind sicher ist, dass es genug bekommt, nicht wenn es recht bekommt.
Darf ich zugeben, dass ein Kind gerade anstrengender ist?
Gegenüber dem Partner ja, gegenüber den Kindern nicht in dieser Form. Ein Kind, das hört, dass es das anstrengende ist, übernimmt die Rolle. Beschreibe stattdessen die Situation und nicht das Kind.


