Übergänge im Familienjahr

Wie viele Geschenke braucht ein Kind?

Warum der große Geschenkeberg Kinder überfordert statt zu beglücken, welche Zahl in der Praxis funktioniert und wie das Gespräch mit den Großeltern gelingt.

Von Sarah Mann · 11 Minuten Lesezeit

Wie viele Geschenke braucht ein Kind?

Es gibt eine Szene, die in sehr vielen Familien jedes Jahr im Dezember stattfindet und die niemand geplant hat.

Ein Kind sitzt vor einem Berg Papier. Es hat vier Päckchen geöffnet, das fünfte liegt schon bereit, es weiß nicht mehr, was in den ersten war, und irgendwann fängt es an zu weinen.

Und danach fragen sich alle, warum es so undankbar ist.

Es ist nicht undankbar. Es ist überfordert. Und das ist eine Sache, an der man etwas ändern kann.

Was beim Auspacken tatsächlich passiert

Ein Geschenk auszupacken ist für ein kleines Kind ein intensiver Vorgang. Spannung, Überraschung, ein neuer Gegenstand, der verstanden werden will.

Das ist schön und es kostet Verarbeitungsleistung.

Wenn direkt danach das nächste Päckchen kommt, wird dieser Vorgang unterbrochen, bevor er abgeschlossen ist. Und beim dritten und vierten Mal ebenso.

Was am Ende bleibt, ist keine Freude, sondern ein Zustand hoher Erregung ohne Ziel. Der sieht von außen aus wie Quengeln oder Undankbarkeit und ist Überreizung.

Deshalb erzeugen weniger Päckchen mehr Freude, nicht weniger.

Die Zahl, die in der Praxis funktioniert

Es gibt keine wissenschaftlich richtige Zahl. Es gibt aber eine wiederkehrende Beobachtung.

Bei etwa vier bis fünf Päckchen kippt es bei kleinen Kindern. Darunter ist Freude, darüber wird es zunehmend zu viel.

Viele Familien arbeiten mit einer einfachen Aufteilung:

KategorieBeispiel
Etwas, das man sich wünschtDer Wunsch vom Zettel
Etwas zum AnziehenPullover, Schuhe, Schlafanzug
Etwas zum LesenBuch, Hörspiel
Etwas, das man brauchtSchulsachen, Rucksack, Sportzeug

Vier Päckchen, und trotzdem ist alles dabei. Der Vorteil dieser Ordnung ist nicht die Sparsamkeit, sondern dass sie jedes Jahr gleich funktioniert und keine Diskussion mehr erzeugt.

Und was oft mehr bringt als jede Zahl: nacheinander auspacken, mit Pausen dazwischen. Ein Päckchen, dann damit spielen, dann das nächste. Auch über den ganzen Tag verteilt.

Der Wunsch und das Bedürfnis

Hier hilft eine Unterscheidung, die in vielen Situationen mit Kindern trägt.

Ein Bedürfnis ist etwas, das ein Kind braucht: Aufmerksamkeit, das Gefühl zu zählen, gemeinsame Zeit, Freude. Ein Wunsch ist die Form, in der das Bedürfnis gerade auftritt: Dieses Spielzeug, diese Marke, dieses Ding aus dem Video.

Und daraus folgt der Satz, der in der Vorweihnachtszeit am meisten entlastet:

Du kannst das Bedürfnis erfüllen, ohne den Wunsch zu erfüllen.

Ein Kind, das ein bestimmtes teures Spielzeug will, braucht meistens nicht dieses Spielzeug. Es braucht das Gefühl, dass jemand seine Wünsche ernst nimmt, und die Erfahrung, dass der Tag schön wird.

Beides geht auch ohne den Gegenstand. Ausführlich steht das in Bedürfnis oder Wunsch.

Das Gespräch mit den Großeltern

Der Punkt, an dem die meisten Vorsätze scheitern, und er hat mit dem eigenen Kind nichts zu tun.

Ein paar Dinge, die in der Praxis funktionieren:

Früh ansprechen. Im Oktober, nicht Mitte Dezember. Wer im Dezember bittet, bittet, nachdem gekauft wurde.

Konkret statt allgemein. „Schenkt bitte weniger“ ist eine Kritik und wird selten befolgt. „Wir würden uns über einen Beitrag zum Fahrrad freuen“ oder „Wie wäre ein Zoobesuch zusammen mit euch“ ist ein Vorschlag und wird meistens angenommen.

Ohne pädagogische Begründung. Die Erklärung, warum zu viele Geschenke schaden, klingt für die schenkende Generation wie ein Vorwurf. Es reicht: Wir machen es dieses Jahr so.

Und mit einer Alternative, die dem Schenkenden etwas gibt. Wer gern schenkt, will Freude sehen. Ein gemeinsamer Ausflug liefert das besser als das fünfte Päckchen.

Der Wunschzettel

Ein Wunschzettel ist eine gute Sache, wenn eine Regel dazugehört: Nicht alles davon kommt.

Der Sinn eines Wunschzettels ist nicht die Bestellung, sondern das Wünschen selbst. Sich etwas vorstellen, sich freuen, warten. Das sind schöne und nützliche Erfahrungen.

Wenn aber jedes Jahr alles vom Zettel eintrifft, verändert sich die Bedeutung. Aus Wünschen wird Erwarten, und aus dem Fest wird eine Lieferung.

Praktisch: Der Zettel darf lang sein. Und es ist von vornherein klar, dass ein Teil davon kommt.

Wenn dein Kind enttäuscht ist

Damit ist zu rechnen, und es ist kein Zeichen, dass etwas schiefgelaufen ist.

Ein Kind darf enttäuscht sein. Enttäuschung ist unangenehm und kein Schaden.

Was hilft:

Das Gefühl anerkennen, ohne die Sache zurückzunehmen.

„Du hast dir das so gewünscht. Ich verstehe, dass du enttäuscht bist. Und es ist nicht dabei.“

Nicht sofort ausgleichen. Der Reflex, die Enttäuschung schnell wegzumachen, nimmt einem Kind die Erfahrung, dass sie vorübergeht.

Und nicht rechtfertigen. Lange Begründungen machen aus einer Entscheidung eine Verhandlung.

Dieselbe Bewegung wie bei jeder Grenze, nachzulesen in Grenzen, die halten.

Dankbarkeit

Zum Schluss ein Punkt, der viele Eltern beschäftigt.

Dankbarkeit ist keine Sache, die man einfordern kann. Sie setzt voraus, dass ein Kind sich in einen anderen Menschen hineinversetzen kann, und diese Fähigkeit entwickelt sich erst über Jahre. Ein Dreijähriger, der sich nicht bedankt, ist nicht unhöflich, sondern drei.

Was wirkt, ist Vorleben. Kinder, die erleben, dass Erwachsene sich freuen, bedanken und Dinge wertschätzen, tun das später auch.

Und was ebenfalls wirkt, ist Weniger. Ein Kind, das vier Geschenke bekommt, kann sich an alle vier erinnern. Ein Kind, das fünfzehn bekommt, an keines.

Das ist am Ende der eigentliche Grund für dieses ganze Thema. Es geht nicht um Sparsamkeit oder um Erziehung zur Bescheidenheit. Es geht darum, dass Freude eine Grenze hat, jenseits derer sie nicht mehr wächst.

Quellen und weiterführende Informationen

Häufige Fragen

Wie viele Geschenke sind für ein Kind angemessen?

Es gibt keine richtige Zahl, aber eine praktische Beobachtung: Bei mehr als etwa vier bis fünf Päckchen hört bei kleinen Kindern die Freude auf und die Überforderung fängt an. Weniger Päckchen, dafür nacheinander geöffnet, erzeugt mehr Freude als ein großer Berg.

Warum wird mein Kind beim Auspacken quengelig?

Weil Auspacken ein Reiz nach dem anderen ist und kleine Kinder Reize schlecht sortieren können. Jedes neue Päckchen unterbricht das gerade begonnene Erleben. Das Ergebnis ist Überreizung, die von außen wie Undankbarkeit aussieht.

Wie gehe ich mit Großeltern um, die zu viel schenken?

Früh, konkret und ohne Vorwurf. Ein Wunsch nach einem größeren gemeinsamen Geschenk oder nach einem Erlebnis statt vieler Kleinigkeiten funktioniert besser als eine Bitte um weniger. Wichtig ist der Zeitpunkt: Im Oktober, nicht im Dezember.

Soll mein Kind einen Wunschzettel schreiben?

Ja, das ist sinnvoll, weil es das Wünschen vom Bekommen trennt. Nützlich ist die Regel, dass nicht alles vom Zettel kommt. Dann bleibt Wünschen ein schöner Vorgang, ohne zur Bestellung zu werden.

Ist es schlimm, wenn mein Kind sich nicht bedankt?

Bei kleinen Kindern nicht. Dankbarkeit ist eine Fähigkeit, die Perspektivübernahme voraussetzt, und die entwickelt sich erst über Jahre. Erzwungene Dankesformeln lernen wenig. Vorgelebte Dankbarkeit wirkt langfristig deutlich stärker.

Wie erkläre ich meinem Kind, dass es etwas nicht bekommt?

Als klare Aussage, ohne lange Begründung, und mit Anerkennung des Wunsches. Also: Ich sehe, dass du dir das sehr wünschst. Und wir kaufen es nicht. Ein Kind darf enttäuscht sein, und die Enttäuschung selbst ist kein Schaden.

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