Für dich als Elternteil

Bevor du dein Kind regulierst

Wut bei Eltern ist normal und steuerbar, nur nicht durch Vorsätze. Die drei Punkte, an denen du wirklich eingreifen kannst.

Von Sarah Mann · 12 Minuten Lesezeit

Bevor du dein Kind regulierst

Es gibt einen Zustand, über den Eltern selten sprechen, weil er sich mit dem Bild vom liebevollen Elternteil nicht verträgt.

Man steht in der Küche, ein kleines Kind macht zum vierten Mal dasselbe, und man spürt eine Wut, die in keinem Verhältnis zur Sache steht.

Dieser Text handelt davon. Nicht davon, dass man sie nicht haben sollte, sondern davon, wo man tatsächlich ansetzen kann.

Zuerst: Wut ist nicht das Problem

Wut bei Eltern ist normal. Sie kommt bei fast allen vor, und sie sagt nichts über die Liebe zum Kind aus.

Was sie aussagt, ist etwas anderes: Dass eine Grenze erreicht ist. Meistens eine körperliche.

Deshalb funktioniert der übliche Ansatz nicht. Der übliche Ansatz lautet: Sich vornehmen, ruhiger zu sein. Und der scheitert zuverlässig, weil Vorsätze in dem Moment nicht abrufbar sind, in dem man sie bräuchte.

Ruhe ist keine Willensleistung. Sie hängt an der Reserve.

Die drei Punkte, an denen man ansetzen kann

Es gibt drei Zeitpunkte, und sie sind unterschiedlich wirksam.

WannWas möglich istWirkung
Vorher, im AlltagReserve auffüllen, Auslöser reduzierenAm größten
Im MomentUnterbrechen, Körper verändernMittel
DanachReparierenWichtig für die Beziehung

Die meisten Eltern arbeiten ausschließlich am mittleren Punkt und wundern sich, dass es nicht reicht.

Vorher: Die Bedingungen

Hier liegt der eigentliche Hebel, und er ist unspektakulär.

Schlaf. Bei Schlafmangel bricht die Selbstbeherrschung als Erstes zusammen, bei Erwachsenen genau wie bei Kindern. Wer chronisch übermüdet ist, wird laut, egal wie sehr er sich vornimmt, es nicht zu werden.

Entlastung. Erschöpfung entsteht in Isolation. Ein fester Nachmittag pro Woche, an dem jemand anderes zuständig ist, verändert mehr als jede Technik. Mehr dazu in Wenn die Kraft nicht mehr reicht.

Weniger Entscheidungen. Jede Entscheidung zieht an derselben Ressource wie Selbstbeherrschung. Ein fester Wochenplan, ein fester Abendablauf, feste Regeln statt situativer Bewertung: All das spart Kraft für die Momente, in denen es darauf ankommt.

Und die Auslöser kennen. Fast jede Familie hat drei oder vier Situationen, in denen es regelmäßig eskaliert. Der Morgen. Das Anziehen. Der Abend. Der Supermarkt.

Diese Situationen lassen sich verändern: Mehr Zeit einplanen, vorher entscheiden, was gilt, den Zeitpunkt verschieben. Wer weiß, wo es knallt, kann dort ansetzen, statt an sich selbst zu arbeiten.

Im Moment: Den Körper verändern, nicht die Gedanken

Wenn die Wut schon da ist, sind Gedanken schlecht steuerbar. Der Körper ist es besser.

Ausatmen, lang. Nicht einatmen. Ein langes Ausatmen senkt die Erregung messbar, ein tiefes Einatmen erhöht sie eher.

Hinsetzen. Wut braucht Aufrichtung. Wer sitzt, ist weniger im Angriffsmodus.

Leiser werden. Das ist gegen jeden Instinkt und wirkt am stärksten, in beide Richtungen: Bei dir und bei deinem Kind. Warum das so ist, steht in Dein Kind kann sich noch nicht beruhigen.

Langsamer werden. Bewegungen, Sprache, Tempo. Hektik ist ansteckend, Langsamkeit auch.

Und den Raum wechseln. Die wirksamste Maßnahme, wenn es wirklich kippt.

Die angekündigte Unterbrechung

Das ist der wichtigste praktische Punkt in diesem Text.

Wenn du merkst, dass du die Kontrolle verlierst, ist Rausgehen besser als Lautwerden.

Ankündigen. Rausgehen. Wiederkommen.

„Ich bin gerade zu wütend. Ich gehe kurz raus und komme gleich wieder.“

Zwei Minuten im Flur. Atmen. Zurück.

Das fühlt sich an wie Versagen und ist eine gute Entscheidung. Ein Kind kann zwei Minuten Warten verkraften. An einen lauten Satz erinnert es sich länger.

Und es lernt dabei etwas Nützliches: Dass man sich zurückziehen kann, wenn es zu viel wird, und dass man wiederkommt.

Wichtig ist das Wiederkommen. Ohne die Rückkehr wird aus einer Unterbrechung ein Rückzug, und ein Rückzug wirkt wie Ausschluss.

Der Punkt, der unangenehm zu lesen ist

Es gibt eine Beobachtung, die viele Eltern zunächst abwehren und die sich lohnt.

Fast niemand schreit seinen Chef an. Auch nicht bei großer Erschöpfung. Auch nicht bei Provokation.

Der Unterschied ist nicht die Belastung. Es sind die Konsequenzen und die soziale Kontrolle. Zu Hause gibt es beides nicht, und ein Kind wehrt sich nicht.

Das klingt wie ein Vorwurf und ist das Gegenteil: Es zeigt, dass das Verhalten steuerbar ist. Wer es unter anderen Bedingungen steuern kann, kann es grundsätzlich.

Was fehlt, sind nicht Fähigkeit oder Wille. Es sind Reserve und Struktur. Und an beidem kann man arbeiten.

Wenn die eigene Geschichte mitschwingt

Bei manchen Eltern hat die Wut eine Vorgeschichte.

Wenn ein bestimmtes Verhalten des Kindes eine Reaktion auslöst, die im Verhältnis zur Sache völlig überzogen ist, lohnt es sich hinzuschauen. Widerspruch. Weinen. Nicht gehorchen. Ausgelacht werden.

Sehr oft liegt darunter eine eigene Erfahrung: Was einem selbst nicht erlaubt war, ertragen viele Menschen bei ihren Kindern schwer.

Das lässt sich verändern, aber selten allein. Ein paar Gespräche in einer Erziehungsberatungsstelle oder bei einer Therapeutin bringen hier meist mehr als jede Technik.

Wann es Hilfe braucht

Klare Grenzen, bei denen dieser Text nicht mehr reicht:

  • Du verlierst regelmäßig die Kontrolle
  • Du hast Angst vor dir selbst
  • Du hast dein Kind schon einmal grob angefasst, festgehalten, geschubst
  • Die Wut nimmt über Monate zu
  • Du fühlst dich danach nicht schuldig, sondern gar nichts mehr

In diesen Fällen ist ein Gespräch nicht optional. Erziehungsberatungsstellen sind kostenlos, vertraulich und in jedem Landkreis vorhanden. Die Nummer gegen Kummer für Eltern ist unter 0800 111 0 550 anonym erreichbar.

Sich dort zu melden ist kein Eingeständnis des Scheiterns. Es ist die Handlung von jemandem, der etwas verändern will.

Und danach

Wenn es passiert ist, ist nichts unwiderruflich kaputt.

Der Schaden entsteht nicht durch den lauten Moment, sondern durch das, was danach nicht kommt. Wie die Reparatur geht, in vier Schritten, steht in Ich habe mein Kind angeschrien.

Und ein Gedanke zum Schluss: Ein Kind, das erlebt, dass ein Erwachsener die Beherrschung verliert, sich danach entschuldigt und beim nächsten Mal früher aussteigt, lernt daraus etwas Wertvolles über Menschen.

Nicht so viel, dass man es anstreben sollte. Aber genug, dass ein schlechter Abend nicht das Ende von etwas ist.

Quellen und weiterführende Informationen

Häufige Fragen

Warum werde ich bei meinem Kind so schnell wütend?

Meist wegen dreier Faktoren zusammen: Leere Reserve, ein Gefühl von Kontrollverlust und manchmal eine eigene Vorgeschichte, die mitschwingt. Wut bei Eltern ist normal. Was sich verändern lässt, sind die Bedingungen, unter denen sie entsteht.

Wie kann ich in dem Moment ruhig bleiben?

Langsamer und leiser werden statt schneller und lauter. Das ist gegen jeden Instinkt und wirkt am stärksten. Wenn du merkst, dass es kippt, ist eine angekündigte Unterbrechung von zwei Minuten besser als jede Reaktion aus dem Vollen.

Ist es schlimm, wenn ich manchmal schreie?

Ein lauter Moment richtet keinen dauerhaften Schaden an, wenn danach eine Reparatur folgt. Schädlich wird es, wenn es zum Muster wird oder wenn nach dem Lautwerden nie Kontakt hergestellt wird.

Hilft Zählen bis zehn?

Weniger als gedacht, weil die Wut schneller da ist als der Vorsatz. Wirksamer ist, den Körper zu verändern: Sich hinsetzen, ausatmen, den Raum wechseln. Der Körper ist in diesem Moment leichter zu steuern als die Gedanken.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Wenn du regelmäßig die Kontrolle verlierst, wenn du Angst vor dir selbst hast, wenn du dein Kind schon einmal grob angefasst hast oder wenn die Wut über Monate zunimmt. Das gehört in ein Gespräch mit der Hausärztin oder einer Erziehungsberatungsstelle.

Warum trifft es immer das Kind und nie andere?

Weil zu Hause die geringste soziale Kontrolle herrscht und weil ein Kind sich nicht wehrt. Beim Chef reißt man sich zusammen, weil es Konsequenzen hätte. Das ist unangenehm zu lesen und praktisch wichtig, weil es zeigt: Es ist steuerbar.

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