Übergänge im Familienjahr

Der Reset für den Familienalltag

Zwischen den Jahren ist der beste Zeitpunkt, den Familienalltag zu sortieren. Warum Ausmisten mehr bringt als neue Regeln zu erfinden.

Von Sarah Mann · 11 Minuten Lesezeit

Der Reset für den Familienalltag

Es gibt zwei Zeitpunkte im Jahr, an denen Familien von selbst über ihren Alltag nachdenken: Zum Schuljahresbeginn und zwischen den Jahren.

Der zweite ist der bessere. Der Alltag ist unterbrochen, es ist ruhiger als sonst, und man hat gerade zwei Wochen lang gesehen, was funktioniert und was nicht.

Nur führt dieser Impuls meistens in die falsche Richtung.

Der übliche Fehler

Er lautet: Neue Regeln aufstellen.

Ein Plan wird gemacht, ein Plakat gemalt, gute Vorsätze werden formuliert. Bildschirmzeit, Aufräumen, freundlicher Ton, mehr Bewegung.

Und nach zwei bis drei Wochen ist alles wie vorher, nur mit einem schlechten Gewissen mehr.

Der Grund ist einfach: Die meisten Familien haben nicht zu wenige Regeln, sondern zu viele.

Sie sind nur nicht aufgeschrieben. Sie sind gewachsen, über Jahre, oft ohne Entscheidung. Und ein neuer Satz Regeln kommt obendrauf, statt etwas zu ersetzen.

Der Reset besteht aus Streichen

Deshalb ist die richtige Reihenfolge umgekehrt.

Schritt 1: Sichtbar machen.

Nimm dir eine Woche vor Weihnachten oder zwischen den Jahren und notiere, wie oft du am Tag Nein sagst und worum es dabei geht.

Die Liste wird länger, als du denkst. Bei den meisten Familien kommen zwanzig bis dreißig Punkte zusammen.

Schritt 2: Sortieren.

Drei Bereiche bleiben:

  • Sicherheit. Straße, Herd, Autositz, Wasser.
  • Umgang miteinander. Niemand wird verletzt, die Erwachsenen eingeschlossen.
  • Der Rahmen des Tages. Schlafenszeit, Mahlzeiten, das Ende von Dingen.

Alles andere kommt auf den Prüfstand.

Schritt 3: Fragen, warum eigentlich.

Bei sehr vielen Regeln lautet die ehrliche Antwort: Weil es bei mir früher so war. Oder: Weil es unordentlich aussieht. Oder: Weil ich es einmal spontan gesagt habe und es seitdem gilt.

Nichts davon ist ein hinreichender Grund.

Schritt 4: Streichen.

Zwei bis vier Regeln, nicht mehr. Und ohne große Ankündigung. Eine gestrichene Regel muss nicht besprochen werden, sie hört einfach auf zu existieren.

Warum weniger dabei mehr Orientierung gibt, steht ausführlich in Wie viele Regeln braucht ein Kind.

Was danach übrig bleibt

In der Praxis fünf bis acht Regeln. Die Faustregel: Wenn alle Erwachsenen sie in einer halben Minute aufzählen können, stimmt die Menge.

Ein Beispiel, wie so eine Liste aussehen kann:

RegelBereich
An der Straße bleiben wir an der HandSicherheit
Im Auto sind alle angeschnalltSicherheit
Niemand wird gehauen, auch nicht die ErwachsenenUmgang
Gegessen wird am TischRahmen
Um sieben beginnt der AbendRahmen
Der Bildschirm geht aus, wenn die Folge zu Ende istRahmen

Sechs Punkte. Und dann gelten sie wirklich, jeden Tag, auch bei Besuch, auch wenn jemand müde ist.

Das ist der eigentliche Sinn der Übung: Nicht weniger Klarheit, sondern mehr, weil sie jetzt zu leisten ist.

Wo Kinder mitreden

Ab etwa fünf Jahren lohnt es sich, sie einzubeziehen, aber nur im richtigen Bereich.

Nicht bei Sicherheit und Umgang. Diese Punkte gehören zu den Erwachsenen, und das darf ein Kind auch so erleben.

Wohl bei Abläufen und Ämtern. Wer deckt den Tisch, wer füttert das Haustier, in welcher Reihenfolge läuft der Abend, wie wird die Bildschirmzeit aufgeteilt.

Der Nutzen ist praktisch: Ein Kind, das mitentschieden hat, hält sich deutlich häufiger daran. Und es lernt dabei etwas über Aushandeln, was später viel wert ist.

Der zweite Teil des Resets

Und jetzt der Teil, den fast niemand macht und der am meisten bringt.

Die Regeln sind nur die Hälfte. Die andere Hälfte ist der Ablauf.

Sehr viele Konflikte entstehen nicht daran, dass eine Regel fehlt, sondern daran, dass eine Situation schlecht konstruiert ist.

Der Morgen ist zu knapp geplant. Der Abend beginnt zu spät. Der Nachmittag hat zwei Termine zu viel. Zwischen Kita und Abendessen gibt es keine Pause.

Ein Reset, der die Struktur anfasst, wirkt stärker als einer, der Regeln aufstellt:

  • Der Morgen bekommt zwanzig Minuten mehr
  • Der Abend beginnt eine Viertelstunde früher
  • Ein Nachmittag pro Woche bleibt frei
  • Kleidung und Tasche werden abends vorbereitet

Nichts davon ist eine Regel für das Kind. Alles davon verändert den Alltag mehr.

Warum es meistens scheitert

Weil zu viel auf einmal verändert wird.

Ein Reset mit zehn Punkten hält zwei Wochen. Ein Reset mit einem Punkt hält.

Nimm dir eine Sache vor und lass sie vier Wochen laufen. Dann die nächste.

Und rechne bei jeder Veränderung mit ein paar anstrengenden Tagen. Ein Kind, das gelernt hat, dass etwas verhandelbar ist, prüft, ob das noch stimmt. Das ist kein Rückschlag, sondern der Beweis, dass es die Veränderung bemerkt hat.

Nach ein bis zwei Wochen wird es in aller Regel ruhiger. Mehr dazu in Grenzen, die halten.

Zum Schluss

Ein Familienreset ist keine Neuerfindung. Es ist Aufräumen.

Weniger Regeln, klarer gehalten. Ein Ablauf, der zwanzig Minuten mehr Luft hat. Eine Sache, die verändert wird, statt zehn, die gedacht werden.

Das klingt nach wenig für einen Jahreswechsel. Und es ist mehr, als die meisten Vorsätze am Ende schaffen.

Quellen und weiterführende Informationen

Häufige Fragen

Wie stellt man Familienregeln auf?

Am besten nicht durch Erfinden, sondern durch Aussortieren. Die meisten Familien haben bereits zwanzig bis dreißig ungeschriebene Regeln. Der Reset besteht darin, sie sichtbar zu machen und die meisten davon zu streichen.

Wann ist der beste Zeitpunkt dafür?

Zwischen den Jahren oder zum Schuljahresanfang, weil der Alltag da ohnehin unterbrochen ist und weil eine Veränderung in einer ruhigen Phase besser hält als eine mitten im Stress.

Sollen Kinder bei den Regeln mitreden?

Ab etwa fünf Jahren ja, aber nur in dem Bereich, der tatsächlich verhandelbar ist. Sicherheit und der Umgang miteinander gehören zu den Erwachsenen. Bei Abläufen, Ämtern und Bildschirmzeit ist Mitsprache sinnvoll und erhöht die Verbindlichkeit deutlich.

Sollen Regeln aufgeschrieben oder aufgehängt werden?

Bei Schulkindern lohnt es sich, weil es die Regel von der Person löst: Nicht Mama will das, sondern es steht so fest. Bei kleinen Kindern bringt ein Plakat wenig, dort wirkt nur die tägliche Wiederholung.

Wie viele Regeln sind sinnvoll?

So wenige, dass alle Erwachsenen sie in einer halben Minute aufzählen können. In der Praxis sind das fünf bis acht. Mehr lassen sich nicht verlässlich halten, und eine Regel, die nur manchmal gilt, ist schlechter als keine.

Was tun, wenn nach zwei Wochen alles wieder wie vorher ist?

Das ist der Normalfall bei zu vielen Änderungen auf einmal. Besser ist, mit einer einzigen Sache anzufangen und sie vier Wochen laufen zu lassen. Ein Reset, der eine Sache verändert, ist mehr wert als einer, der zehn vornimmt.

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