Für dich als Elternteil
Wenn ihr unterschiedlich erzieht
Unterschiedliche Erwachsene sind kein Problem für Kinder. Was tatsächlich schadet, wo die Grenze verläuft und wie ein Abgleich zu zweit funktioniert.
Von Sarah Mann · 12 Minuten Lesezeit

Es gibt einen Satz, der viele Paare unter Druck setzt und der so pauschal nicht stimmt.
Eltern müssen an einem Strang ziehen.
In dieser Allgemeinheit ist er falsch, und er richtet Schaden an, weil er aus jedem Unterschied ein Problem macht.
Was Kinder tatsächlich verkraften
Kinder kommen mit unterschiedlichen Erwachsenen gut zurecht. Erstaunlich gut sogar.
Bei der Oma gelten andere Regeln als zu Hause. In der Kita wieder andere. Bei der Tagesmutter, im Sportverein, bei den Nachbarn: Überall etwas anderes.
Und Kinder lernen das erstaunlich schnell. Ein Vierjähriger weiß genau, dass es bei Oma Kekse gibt und zu Hause nicht.
Was Kinder brauchen, ist nicht Gleichheit zwischen Personen. Es ist Verlässlichkeit innerhalb einer Person.
Ein Kind, dessen Vater konsequenter ist als seine Mutter, hat kein Problem, solange beide in sich berechenbar sind.
Ein Kind, dessen Mutter je nach Tagesform mal so und mal so reagiert, hat eines. Auch wenn beide Elternteile dieselbe Haltung vertreten.
Wo die Grenze wirklich verläuft
Es gibt einen Punkt, an dem Unterschiedlichkeit tatsächlich schadet, und er ist sehr genau bestimmbar.
Wenn ein Erwachsener die Grenze des anderen vor dem Kind aufhebt.
Das Kind bekommt ein Nein von Person A. Es geht zu Person B. Person B sagt Ja.
Was ein Kind daraus lernt, ist nicht, dass es zwei verschiedene Menschen gibt. Es lernt: Ein Nein ist nicht endgültig, man muss nur die richtige Person fragen.
Und danach wird jede Grenze bei beiden Personen getestet, weil sich das Testen lohnt.
Dieser Mechanismus ist der einzige, der wirklich schadet. Alles andere ist Geschmacksfrage.
Wo Einigkeit tatsächlich nötig ist
Nicht überall, aber in drei Bereichen.
| Bereich | Beispiele | Einigkeit nötig? |
|---|---|---|
| Sicherheit | Straße, Autositz, Herd | Ja, unbedingt |
| Umgang miteinander | Niemand wird verletzt | Ja |
| Eckpunkte des Tages | Ungefähre Schlafenszeit, Mahlzeiten | Weitgehend |
| Ton und Stil | Wie viel geredet, wie viel gekuschelt | Nein |
| Menge und Genuss | Wie viel Süßes, wie viel Bildschirm | Ungefähr |
| Rituale | Welches Lied, welche Reihenfolge | Nein, gerne unterschiedlich |
| Ordnung, Kleidung, Geschmack | Alles davon | Nein |
Die untere Hälfte dieser Tabelle ist der Bereich, in dem die meisten Paare streiten. Und es ist der Bereich, in dem es am wenigsten darauf ankommt.
Wie man das Gespräch führt
Drei praktische Regeln, die den Unterschied machen.
Nicht in der Situation. Ein Streit über Erziehung vor dem Kind ist immer teurer als die Regel, um die es geht. Wenn dein Partner in dem Moment etwas anders macht, als du es tun würdest: Situation zu Ende bringen. Später reden.
Nicht abends nach einem schwierigen Tag. Das ist der Zeitpunkt, an dem beide leer sind und an dem aus einer Sachfrage ein Grundsatzstreit wird.
Über Situationen reden, nicht über Haltungen. Das ist der wichtigste Punkt.
„Du bist zu streng“ ist eine Aussage über einen Menschen, und darauf gibt es nur Verteidigung. „Wie machen wir es, wenn er abends nicht ins Bett will?“ ist eine Frage nach einem Verfahren, und darauf gibt es Antworten.
Konkretes lässt sich klären. Grundsätzliches selten.
Der Verstärkungseffekt
Es gibt ein Muster, das sehr vielen Paaren passiert und das man kennen sollte, weil es sich sonst von selbst verschärft.
Je strenger der eine wird, desto nachgiebiger wird der andere. Und je nachgiebiger der eine wird, desto strenger der andere.
Beide sind dabei überzeugt, auszugleichen, was der andere falsch macht. Und beide entfernen sich dadurch weiter von der Mitte, als sie es allein je täten.
Der Ausweg ist nicht, sich in der Mitte zu treffen, denn das gelingt selten. Er ist, dass jeder für sich in Richtung Mitte geht, unabhängig vom anderen.
Praktisch: Der Strengere arbeitet an Wärme, ohne darauf zu warten, dass der andere klarer wird. Der Nachgiebigere arbeitet an Klarheit, ohne darauf zu warten, dass der andere weicher wird.
Das ist unfairer, als es sich anfühlt, und es funktioniert deutlich besser als der Versuch, den anderen zu verändern.
Woher die Unterschiede kommen
Ein kurzer Einschub, weil es hilft, den anderen zu verstehen.
Fast jede Haltung zur Erziehung hat eine Vorgeschichte. Wer streng aufgewachsen ist, macht meistens eines von zwei Dingen: Er wiederholt es, oder er tut entschieden das Gegenteil.
Und beide Reaktionen sind stark, weil sie mit einer eigenen Erfahrung verbunden sind.
Deshalb ist die produktivste Frage in diesem Gespräch selten „Was ist richtig?“, sondern: „Wovor fürchtest du dich, wenn wir es anders machen?“
Die Antworten darauf sind oft überraschend und meistens verständlich.
Der Minimalkonsens
Wenn ein großes Gespräch gerade nicht möglich ist, reicht ein sehr kleiner Konsens erstaunlich weit.
Erstens: Wir heben die Grenze des anderen nicht vor dem Kind auf. Auch wenn wir sie falsch finden. Wir reden später.
Zweitens: Wir einigen uns auf drei bis fünf Regeln, die bei beiden gelten. Nicht mehr. Sicherheit, Umgang, Schlafenszeit.
Drittens: Alles andere darf unterschiedlich sein.
Das ist wenig und es deckt fast alles ab, was tatsächlich zählt. Warum weniger Regeln dabei besser funktionieren, steht in Wie viele Regeln braucht ein Kind.
Bei getrennt lebenden Eltern
Dasselbe, verstärkt.
Zwei Haushalte mit unterschiedlichen Regeln sind für ein Kind gut zu verkraften, solange jeder in sich verlässlich ist. Kinder unterscheiden das schneller, als Erwachsene glauben.
Was belastet, ist etwas anderes: Die Abwertung des anderen Haushalts vor dem Kind. Damit gerät ein Kind in einen Loyalitätskonflikt, und der ist deutlich schwerer als jede unterschiedliche Bettzeit.
Der Satz, der hier trägt: Bei Papa gelten andere Regeln. Das ist in Ordnung.
Ohne Zusatz, ohne Augenrollen, ohne Ausnahme.
Quellen und weiterführende Informationen
- American Psychological Association: Themenseite Parenting, Übersicht zur Forschungslage rund um Erziehung
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Stichwort Erziehung, was aus Sicht der Bundeszentrale zu einer guten Erziehung gehört
Häufige Fragen
Müssen sich Eltern in der Erziehung einig sein?
Nicht in allem. Kinder kommen mit unterschiedlichen Erwachsenen gut zurecht, solange jeder in sich verlässlich ist. Einigkeit braucht es nur in wenigen Bereichen: Sicherheit, Umgang miteinander und die Eckpunkte des Tagesablaufs.
Was schadet einem Kind wirklich?
Nicht die Unterschiedlichkeit, sondern das Aufheben einer Grenze vor dem Kind. Wenn ein Erwachsener die Entscheidung des anderen in der Situation kassiert, lernt ein Kind nicht, dass es zwei Menschen gibt, sondern dass Grenzen verhandelbar sind, wenn man die richtige Person fragt.
Was mache ich, wenn mein Partner vor dem Kind widerspricht?
In dem Moment nichts. Die Situation zu Ende bringen und später darüber reden. Ein Streit vor dem Kind über die richtige Erziehung ist immer teurer als die einzelne Regel, um die es geht.
Wie führen wir dieses Gespräch, ohne zu streiten?
Nicht in der Situation und nicht abends nach einem schwierigen Tag. Und nicht über Haltungen, sondern über konkrete Situationen: Wie machen wir es beim Zubettgehen? Konkretes lässt sich klären, Grundsätzliches selten.
Was, wenn einer deutlich strenger ist als der andere?
Meist verstärken sich die beiden gegenseitig: Je strenger der eine, desto nachgiebiger der andere, und umgekehrt. Der Ausweg ist nicht, sich in der Mitte zu treffen, sondern jeder für sich in Richtung Mitte zu gehen, unabhängig vom anderen.
Wie ist das bei getrennt lebenden Eltern?
Dann gilt dasselbe verstärkt: Zwei verlässliche Haushalte mit unterschiedlichen Regeln sind für ein Kind gut zu verkraften. Was belastet, ist die Abwertung des anderen Haushalts vor dem Kind, nicht der Unterschied selbst.


