Übergänge im Familienjahr
Wenn die Großeltern anders erziehen
Bei Oma gelten andere Regeln, und das ist unproblematisch. Wo trotzdem eine Grenze verläuft und wie du sie ziehst, ohne die Beziehung zu belasten.
Von Sarah Mann · 11 Minuten Lesezeit

Es gibt einen Satz, der in vielen Familien für mehr Anspannung sorgt als jedes Verhalten des Kindes.
Also, bei uns hat man das damals anders gemacht.
Und dahinter steckt oft eine echte Frage: Was muss ich hinnehmen, und wo darf ich etwas sagen?
Was unproblematisch ist
Zuerst die Entlastung, weil sie den größten Teil abdeckt.
Kinder kommen mit unterschiedlichen Orten gut zurecht. Sehr gut sogar. Sie unterscheiden schnell und zuverlässig, dass bei Oma andere Regeln gelten als zu Hause, und das überfordert sie nicht.
Ein Vierjähriger weiß genau, dass es bei Oma Kekse gibt und dass er zu Hause danach nicht fragen muss.
Was Kinder brauchen, ist Verlässlichkeit innerhalb einer Person, nicht Gleichheit zwischen Personen.
Damit ist der allergrößte Teil der üblichen Konflikte erledigt: Süßigkeiten, Fernsehzeit, später ins Bett, mehr Spielzeug, andere Umgangsformen bei Tisch. Nichts davon richtet Schaden an. Es ist die Großelternversion von Urlaub.
Wo die Grenze wirklich verläuft
Drei Bereiche, und sie sind kurz.
Sicherheit. Autositz, Straße, Herd, Medikamente, Schwimmen. Hier gibt es keinen Verhandlungsspielraum, und hier darf man deutlich werden.
Der Umgang mit dem Kind. Keine körperliche Bestrafung, keine Beschämung, kein Auslachen, keine Abwertung. Auch nicht als Scherz, auch nicht als „so hat man das früher gemacht“.
Das Aufheben eurer Entscheidungen vor dem Kind. Wenn ihr etwas entschieden habt und jemand anderes es in der Situation kassiert, lernt ein Kind nicht, dass es zwei Meinungen gibt. Es lernt, dass eure Entscheidungen nicht endgültig sind.
Alles außerhalb dieser drei Bereiche ist Verhandlungssache und meistens den Konflikt nicht wert.
Warum Großeltern oft empfindlich reagieren
Das zu verstehen, verändert den Ton eines Gesprächs erheblich.
Wenn du heute sagst, dass etwas nicht gut für ein Kind ist, hört die andere Generation etwas mit, das du nicht gesagt hast: dass sie es bei ihren eigenen Kindern falsch gemacht hat.
Und in vielen Fällen stimmt das sogar. Was heute selbstverständlich abgelehnt wird, war vor vierzig Jahren normal. Körperliche Bestrafung in der Familie ist in Deutschland erst seit dem Jahr 2000 gesetzlich verboten.
Das heißt: Fast jede Erziehungsdebatte mit den eigenen Eltern ist gleichzeitig ein Gespräch über die eigene Kindheit. Deshalb sind die Reaktionen oft heftiger, als der Anlass es erklärt.
Wer das weiß, kann es umgehen. Nicht indem man das Thema meidet, sondern indem man auf die pädagogische Begründung verzichtet.
Wie man es sagt
Vier Regeln, die den Unterschied machen.
Konkret statt grundsätzlich. „Könnt ihr ihn bitte im Auto immer im Sitz anschnallen“ wird fast immer befolgt. „Ihr müsst euch mal an unsere Erziehung halten“ wird nie befolgt.
Ohne Begründung aus der Ratgeberliteratur. Die Erklärung, warum etwas schädlich ist, klingt für die andere Seite wie ein Urteil über ihre Vergangenheit. Es reicht: Wir machen es so.
Nicht in der Situation. Vor dem Kind wird nichts geklärt. Die Situation zu Ende bringen, später reden.
Und vom eigenen Elternteil, nicht vom angeheirateten. Das ist praktisch die wichtigste Regel. Jeder spricht mit seinen eigenen Eltern. Das reduziert die Verletzungsgefahr enorm.
Wenn es in der Situation passiert
Es wird passieren. Das Kind bekommt von dir ein Nein und von der Oma ein Ja.
Was in dem Moment hilft, ist wenig und ruhig:
„Bei uns ist das so.“
Ein Satz, freundlich, ohne Diskussion. Die Entscheidung bleibt stehen, das Gespräch findet später statt.
Was nicht hilft: Die Diskussion vor dem Kind zu führen. Damit wird aus einer Regel ein Machtkampf zwischen Erwachsenen, und das Kind lernt, dass sich Zuschauen lohnt.
Die kurze Liste
Der wichtigste praktische Rat in diesem ganzen Thema: Halte die Liste kurz.
Zwei oder drei nicht verhandelbare Punkte lassen sich fast immer durchsetzen, auch bei schwierigen Verhältnissen und auch, wenn man auf Betreuung angewiesen ist.
Zwanzig Punkte funktionieren nicht. Nicht weil sie einzeln unberechtigt wären, sondern weil niemand zwanzig fremde Regeln einhält.
| Auf die Liste gehört | Auf die Liste gehört nicht |
|---|---|
| Anschnallen im Auto | Wie viel Süßes es gibt |
| Keine körperliche Bestrafung | Wie lange ferngesehen wird |
| Nicht auslachen oder bloßstellen | Ob am Tisch gesessen wird |
| Bestimmte Allergien und Medikamente | Wann ins Bett gegangen wird |
| Unsere Entscheidungen nicht kassieren | Welche Spielsachen gekauft werden |
Die rechte Spalte ärgert einen im Einzelfall. Und sie ist der Preis dafür, dass die linke Spalte durchsetzbar bleibt.
Was der Umgang mit Großeltern einem Kind gibt
Zum Schluss ein Perspektivwechsel, weil dieses Thema fast immer als Problem behandelt wird.
Ein Kind, das mehrere Erwachsene mit unterschiedlichen Arten erlebt, lernt dabei etwas, das man nicht künstlich herstellen kann: Dass Menschen verschieden sind und dass man mit allen zurechtkommen kann.
Es lernt, sich auf unterschiedliche Bedingungen einzustellen. Es erlebt eine andere Generation, andere Geschichten, ein anderes Tempo.
Und es hat einen zusätzlichen Menschen, bei dem es sicher ist. Davon hat kaum ein Kind zu viele.
Das ist die Abwägung, um die es eigentlich geht. Die Regeln sind selten so wichtig, wie sie sich im Moment anfühlen. Die Beziehung ist es fast immer.
Quellen und weiterführende Informationen
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Stichwort Erziehung, was aus Sicht der Bundeszentrale zu einer guten Erziehung gehört
- American Academy of Pediatrics: What’s the Best Way to Discipline My Child?, die Empfehlungen der amerikanischen Kinderärzte zu Grenzen und Regeln
Häufige Fragen
Dürfen bei den Großeltern andere Regeln gelten?
Ja, und in den meisten Bereichen ist das unproblematisch. Kinder unterscheiden schnell und zuverlässig zwischen Orten. Was schwierig wird, sind nur drei Bereiche: Sicherheit, der Umgang mit dem Kind selbst und das Aufheben eurer Entscheidungen vor dem Kind.
Wie sage ich meiner Mutter, dass sie sich nicht einmischen soll?
Konkret statt grundsätzlich, und ohne pädagogische Begründung. Eine Bitte zu einer einzelnen Situation wird viel häufiger angenommen als eine Aussage über Erziehung insgesamt. Und nicht in der Situation, sondern später und unter vier Augen.
Was tue ich, wenn meine Entscheidung vor dem Kind kassiert wird?
In dem Moment die Entscheidung ruhig aufrechterhalten, ohne die Diskussion zu führen. Ein Satz reicht: Bei uns ist das so. Der Konflikt wird später geklärt, unter Erwachsenen und ohne Zuhörer.
Warum reagieren Großeltern oft empfindlich auf Erziehungsfragen?
Weil jede Kritik an ihrem Umgang mit dem Enkelkind indirekt wie Kritik an ihrer eigenen Erziehung klingt. Wer heute hört, dass etwas schädlich sei, hört mit, dass er es bei den eigenen Kindern falsch gemacht hat. Das erklärt viele überzogene Reaktionen.
Muss ich alles hinnehmen, wenn wir auf Betreuung angewiesen sind?
Nein, aber die Liste sollte dann besonders kurz sein. Zwei oder drei nicht verhandelbare Punkte lassen sich fast immer durchsetzen. Zwanzig Punkte funktionieren nicht, egal wie berechtigt sie einzeln sind.
Was ist wirklich nicht verhandelbar?
Sicherheit, körperliche Übergriffe jeder Art, Beschämung und Abwertung des Kindes, und das Übergehen eurer klaren Entscheidungen. Alles andere, von Süßigkeiten bis Bildschirmzeit, ist Verhandlungssache und meist nicht den Konflikt wert.


