Für dich als Elternteil

Der Satz, den kaum jemand ausspricht

Es gibt Phasen, in denen Eltern ihr eigenes Kind anstrengend finden und sich zutiefst dafür schämen.

Von Sarah Mann · 12 Minuten Lesezeit

Der Satz, den kaum jemand ausspricht

Es gibt einen Satz, den ich in Beratungen manchmal höre, und er kommt immer erst spät, oft mit gesenktem Blick und immer mit einer Entschuldigung davor.

„Ich weiß, das darf man nicht sagen. Aber ich mag mein Kind gerade nicht besonders.“

Danach folgt fast immer Stille und dann Tränen.

Dieser Text existiert, weil dieser Satz häufiger gedacht als ausgesprochen wird, und weil das Schweigen darum herum das eigentliche Problem ist.

Zuerst das Wichtigste

Zuneigung ist keine Konstante. Sie schwankt.

Das gilt für jede menschliche Beziehung, und es gilt auch für die zum eigenen Kind. Es gibt Wochen, in denen alles leicht ist, und Wochen, in denen man abends erleichtert die Tür zumacht.

Was nicht schwankt, ist die Bindung. Sie hängt nicht daran, ob du dein Kind heute sympathisch findest. Sie hängt daran, ob du verlässlich da bist.

Diese Unterscheidung ist keine Wortklauberei, sondern das Entscheidende. Ein Elternteil, das sich innerlich distanziert fühlt und trotzdem morgens Frühstück macht, abends vorliest und im Streit dabeibleibt, ist für ein Kind ein verlässliches Elternteil. Punkt.

Woher es kommt

In den allermeisten Fällen gibt es drei Ursachen, und sie treten oft zusammen auf.

Erschöpfung

Das ist mit Abstand der häufigste Grund, und er ist der am wenigsten beachtete.

Zuneigung braucht Reserve. Wer über Monate zu wenig geschlafen hat, zu wenig allein war und zu viel getragen hat, verliert als Erstes die weichen Empfindungen. Nicht die Fähigkeit zu funktionieren, sondern die Fähigkeit zu genießen.

Das Erschreckende daran ist, wie plötzlich es sich anfühlt. Man merkt nicht, dass die Reserve sinkt, sondern erst, dass die Wärme weg ist. Ausführlich steht das in Wenn die Kraft nicht mehr reicht.

Eine Phase mit vielen Konflikten

Es gibt Entwicklungsphasen, in denen ein Kind objektiv anstrengender ist. Zwischen zwei und vier. In der ersten Schulzeit. In der Vorpubertät.

Und es gibt eine simple Mechanik dahinter: Wer viele Wochen hintereinander vor allem Konflikte mit einem Menschen hat, entwickelt Distanz. Auch wenn dieser Mensch das eigene Kind ist.

Das ist keine moralische Schwäche. Es ist die normale Reaktion auf ein bestimmtes Verhältnis von schönen zu schwierigen Momenten.

Etwas, das mit dir zu tun hat

Seltener, aber real: Manche Kinder lösen bei ihren Eltern etwas aus, das älter ist als sie.

Ein Kind, das sehr laut ist, bei einem Elternteil, das als Kind leise sein musste. Ein Kind, das fordert, bei jemandem, der gelernt hat, nichts zu fordern. Ein Kind, das einem Menschen ähnelt, mit dem etwas ungeklärt ist.

Wenn die Distanz sich spezifisch anfühlt, also gegen eine bestimmte Eigenschaft richtet und nicht gegen den Zustand insgesamt, lohnt es sich, dort hinzuschauen. Am besten nicht allein.

Was es nicht bedeutet

Ein paar Dinge, die Eltern in diesem Zustand über sich denken und die nicht stimmen.

Es bedeutet nicht, dass du dein Kind nicht liebst. Zuneigung im Alltag und Liebe sind zwei verschiedene Dinge. Das eine schwankt täglich, das andere nicht.

Es bedeutet nicht, dass du eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater bist. Es bedeutet, dass du erschöpft bist oder in einer schwierigen Phase steckst. Beides sind Umstände, keine Eigenschaften.

Es bedeutet nicht, dass dein Kind es merkt. Kinder spüren Anspannung, aber sie lesen keine Gedanken. Was bei ihnen ankommt, ist dein Verhalten.

Und es bedeutet nicht, dass es so bleibt. Das ist der Punkt, an den in dieser Phase am wenigsten geglaubt wird, und er stimmt trotzdem.

Was tatsächlich hilft

Erholung, vor allem anderen

Weil das Gefühl fast immer daran hängt. Nicht ein Abend, sondern etwas, das sich wiederholt: Ein fester Nachmittag pro Woche, an dem jemand anders zuständig ist. Eine Nacht durchschlafen. Ein paar Stunden allein sein, ohne Aufgabe.

Wer erwartet, dass Zuneigung durch Vorsätze zurückkommt, wartet vergeblich. Sie kommt zurück, wenn Reserve da ist.

Kurze Zeit ohne Anforderung

Nicht der große Ausflug, nicht der aufwendige Nachmittag. Fünfzehn Minuten, in denen nichts erreicht werden muss.

Das ist wirksamer als jedes Programm, weil Zuneigung über gemeinsame Erfahrung entsteht und nicht über gute Absicht. Und weil in einer konfliktreichen Phase die schönen Momente schlicht selten geworden sind.

Praktisch: Eine Sache am Tag, die keinem Ziel dient. Nebeneinander etwas anschauen. Ein Spiel, bei dem niemand etwas lernt.

Darüber sprechen

Mit einem Menschen, der nicht zusammenzuckt. Eine Freundin, die dasselbe kennt. Der Partner, wenn er es aushält. Eine Beratungsstelle.

Der Grund ist einfach: Dieses Gefühl wächst in der Isolation. Solange man es für einzigartig hält, wird die Scham größer als das Gefühl selbst.

Was das Gefühl verstärktWas es kleiner macht
Es niemandem sagenEs einmal aussprechen
Sich vornehmen, mehr zu fühlenFür Erholung sorgen
Vergleich mit anderen FamilienBeobachten, wann es leichter ist
Große Unternehmungen planenKurze Momente ohne Anforderung
Auf Besserung wartenEine Sache konkret verändern

Wann es mehr ist

Es gibt Punkte, an denen dieser Text nicht mehr reicht.

  • Das Gefühl hält seit Monaten unverändert an.
  • Du empfindest gar keine Freude mehr, auch nicht in guten Momenten.
  • Du ziehst dich zurück und vermeidest die Zeit mit deinem Kind.
  • Es kommen Gedanken, die dich selbst erschrecken.
  • Es begann kurz nach einer Geburt und geht mit Angst, Schlaflosigkeit oder Niedergeschlagenheit einher.

In diesen Fällen gehört das Thema zur Hausärztin, in eine Erziehungsberatungsstelle oder zu einer Therapeutin. Nicht weil etwas mit dir nicht stimmt, sondern weil es Zustände gibt, die man nicht allein löst, und weil sie gut behandelbar sind.

Zum Schluss

Es gibt einen Gedanken, der in dieser Situation trägt, und er ist unromantisch.

Du musst dein Kind nicht jeden Tag mögen, um ein gutes Elternteil zu sein. Du musst verlässlich sein.

Ein Kind braucht jemanden, der da ist, wenn es schwierig wird, der wiederkommt, wenn etwas schiefging, und auf den es sich verlassen kann. Nichts davon setzt voraus, dass du dich in dieser Woche warm fühlst.

Und das Gefühl kommt zurück. Fast immer über Erholung, manchmal über Zeit, gelegentlich über Hilfe von außen. Aber es kommt zurück.

Quellen und weiterführende Informationen

Häufige Fragen

Ist es normal, sein eigenes Kind zeitweise nicht zu mögen?

Ja. Es ist verbreiteter, als man ahnt, und wird fast nie ausgesprochen. Zuneigung ist keine Konstante, sondern schwankt mit Erschöpfung, Konflikthäufigkeit und Lebensphase. Was bleibt, ist die Bindung. Sie hängt nicht daran, ob du dein Kind heute sympathisch findest.

Was bedeutet es, wenn ich so empfinde?

Meist bedeutet es, dass du zu lange zu wenig Erholung hattest und dass gerade eine Phase mit vielen Konflikten läuft. In selteneren Fällen steckt dahinter, dass dein Kind dich an etwas erinnert, das mit dir selbst zu tun hat. Beides ist bearbeitbar, keines davon ist ein Urteil über dich.

Merkt mein Kind das?

Kinder spüren Anspannung, aber sie lesen keine Gedanken. Was ankommt, ist dein Verhalten, nicht dein inneres Empfinden. Ein Elternteil, das sich innerlich distanziert fühlt und trotzdem verlässlich handelt, ist für ein Kind ein verlässliches Elternteil.

Was hilft, wenn die Distanz nicht weggeht?

Drei Dinge: Echte Erholung, weil das Gefühl fast immer an Erschöpfung hängt. Kurze gemeinsame Zeit ohne Anforderung, weil Zuneigung über gemeinsame Erfahrung zurückkommt und nicht über Vorsätze. Und mit einem Menschen darüber sprechen, weil es in der Isolation wächst.

Wann sollte ich mir Hilfe holen?

Wenn das Gefühl über Monate anhält, wenn du gar keine Freude mehr an deinem Kind empfindest, wenn Gedanken kommen, die dich erschrecken, oder wenn du merkst, dass du dich zurückziehst. Das gehört in ein Gespräch mit der Hausärztin oder einer Erziehungsberatungsstelle.

Ist das dasselbe wie eine Wochenbettdepression?

Nein, aber es kann damit zusammenhängen. Wenn die Distanz kurz nach einer Geburt beginnt, mit Schlaflosigkeit, Angst oder anhaltender Niedergeschlagenheit einhergeht, sollte das ärztlich abgeklärt werden. Depressionen rund um Geburt und frühe Elternzeit sind häufig und gut behandelbar.

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