Schlaf und Abend

Wenn nur eine Person geht

Wenn ein Kind ausschließlich mit einer Person einschläft, ist das keine Ablehnung des anderen.

Von Sarah Mann · 11 Minuten Lesezeit

Wenn nur eine Person geht

Es gibt eine Situation, die in sehr vielen Familien für viel Erschöpfung sorgt und über die trotzdem selten geschrieben wird.

Ein Kind schläft ausschließlich mit einer Person ein. Mit der anderen nicht. Nicht bei Müdigkeit, nicht bei gutem Zureden, nicht nach einem schönen Tag.

Für die eine Person heißt das: Kein einziger freier Abend, seit Monaten. Für die andere: Das Gefühl, nicht gebraucht zu werden.

Beides ist anstrengend, und beides beruht auf einem Missverständnis.

Was tatsächlich dahintersteckt

Es ist keine Ablehnung. Und es ist auch keine Aussage darüber, wer die bessere Bezugsperson ist.

Es ist eine erlernte Verknüpfung.

Das Gehirn eines kleinen Kindes speichert sehr zuverlässig, welche Bedingungen zum Einschlafen gehören. Ein bestimmtes Kuscheltier. Ein bestimmtes Lied. Eine bestimmte Position. Und eben auch: Eine bestimmte Person.

Diese Verknüpfung entsteht durch Wiederholung, nicht durch Präferenz. Sie entsteht meist in einer Phase, in der es gar nicht anders ging: Beim Stillen, bei einer Krankheit, in einer Zeit, in der eine Person abends nicht zu Hause war.

Und danach bleibt sie, weil sie sich jeden Abend selbst bestätigt.

Das ist die gute Nachricht: Was durch Wiederholung entstanden ist, lässt sich durch Wiederholung verändern.

Warum es sich für den anderen so persönlich anfühlt

Ein kurzer Einschub, weil dieser Punkt oft unausgesprochen bleibt.

Für den zweiten Elternteil ist diese Situation kränkend. Man versucht es, das Kind weint, man hört nach zehn Minuten auf, weil das Weinen unerträglich ist, und daraus wird die Überzeugung: Es will mich nicht.

Der Abbruch nach zehn Minuten ist dabei der eigentliche Mechanismus. Er bestätigt die Verknüpfung, denn danach kommt ja doch die gewohnte Person.

Das heißt nicht, dass man ein Kind schreien lassen soll. Es heißt nur: Wenn man es verändern will, muss man den Abbruch vermeiden, und das gelingt am besten mit kleinen Schritten statt mit einem harten Wechsel.

Wie es funktioniert

Ein eigener Ablauf statt einer Kopie

Der wichtigste Punkt, und der am meisten unterschätzte.

Der Reflex ist, alles genauso zu machen wie die gewohnte Person. Dasselbe Lied, dieselbe Reihenfolge, derselbe Satz.

Das funktioniert schlecht, weil es eine unvollständige Version des Gewohnten ist. Es weckt die Erwartung und erfüllt sie nicht.

Besser ist etwas ganz Eigenes. Ein anderes Lied. Eine andere Geschichte, erzählt statt gelesen. Eine andere Reihenfolge. Ein eigenes Ritual, das es nur mit dieser Person gibt.

Kinder gewöhnen sich an etwas Neues deutlich schneller als an eine schlecht imitierte Version.

In Schritten, nicht auf einmal

SchrittWas passiertDauer
1Beide sind da, die gewohnte Person hält sich zurück2 bis 3 Abende
2Der Übergang wird übernommen, das Einschlafen noch nicht2 bis 3 Abende
3Der zweite Elternteil macht alles, die andere Person ist im Haus3 bis 4 Abende
4Der zweite Elternteil macht alles, die andere Person ist außer Hörweiteab dann

Wer es eilig hat, kann Schritte überspringen. Wer es ruhig will, nimmt sich zwei Wochen.

Nicht in Hörweite bleiben

Ab Schritt drei ist das entscheidend. Ein Kind, das die gewohnte Person nebenan hört, hat einen Grund weiterzurufen.

Das klingt hart und ist praktisch. Ein Spaziergang, ein Einkauf, ein Abend bei einer Freundin: Irgendetwas, das aus dem Haus führt.

Den richtigen Zeitpunkt wählen

Nicht in der Woche des Kita-Starts. Nicht bei Krankheit. Nicht im Urlaub. Nicht, wenn ein Geschwisterkind gerade auf die Welt gekommen ist.

Eine ruhige Phase reicht, sie muss nicht perfekt sein.

Was in den ersten Abenden passiert

Es wird lauter. Das gehört dazu.

Dein Kind hat monatelang eine verlässliche Erfahrung gemacht, und jetzt stimmt sie nicht mehr. Es protestiert dagegen, und das ist eine völlig angemessene Reaktion.

Der entscheidende Unterschied ist, dass jemand dabeibleibt. Weinen in Begleitung ist etwas anderes als Weinen im Alleinsein. Der zweite Elternteil sitzt daneben, ist ruhig, geht nicht weg.

Was in diesen Abenden hilft:

  • Wenig reden, viel dableiben
  • Nicht erklären, warum heute jemand anders da ist
  • Das Gefühl benennen: „Du hättest lieber Mama. Ich weiß.“
  • Und nicht abbrechen

Nach zwei bis drei Abenden wird es in aller Regel deutlich ruhiger. Nach ein bis zwei Wochen ist es meist erledigt.

Wenn es nicht die Person ist, sondern der Ablauf

Ein Punkt, der oft übersehen wird und viel Arbeit spart.

Bevor du an der Person arbeitest, lohnt ein Blick auf den Abend selbst. Wenn er ohnehin unklar ist, lang dauert und jeden Abend neu verhandelt wird, wird ein Personenwechsel schwierig.

Ein Abend mit einem festen Ablauf und einem klaren Abschluss lässt sich viel leichter übergeben. Wie so ein Ablauf aussieht, steht in Die Abendroutine, die trägt.

Manchmal löst sich die Personenfrage dabei sogar von selbst.

Und wenn ihr es so lassen wollt?

Das ist eine völlig legitime Entscheidung.

Es gibt keinen Entwicklungsschritt, der davon abhängt, dass ein Kind mit beiden Eltern einschlafen kann. Viele Kinder lösen das von selbst, oft rund um den Schuleintritt.

Die Frage ist nur, ob es tragbar ist. Und dafür gibt es zwei Prüfpunkte:

Hat die bevorzugte Person je einen freien Abend? Wenn seit Monaten nicht, ist das eine Belastung, die sich irgendwo anders zeigt.

Was passiert, wenn diese Person krank oder verreist ist? Wenn das zum Notfall wird, lohnt es sich, jetzt in einer ruhigen Phase daran zu arbeiten statt später unter Druck.

Alles andere ist eine Frage dessen, was für euch funktioniert. Und wenn es funktioniert, ist es richtig.

Quellen und weiterführende Informationen

Häufige Fragen

Warum will mein Kind nur mit mir einschlafen?

Meist wegen einer erlernten Verknüpfung: Das Gehirn hat gespeichert, dass Einschlafen und diese eine Person zusammengehören. Das ist keine Ablehnung des anderen Elternteils, sondern das Ergebnis vieler Wiederholungen, oft entstanden in einer Phase, in der es gar nicht anders ging.

Wie kann der andere Elternteil übernehmen?

Mit einem eigenen Ablauf, nicht mit einer Kopie. Anderes Lied, andere Reihenfolge, anderes Ritual. Kinder gewöhnen sich an etwas Eigenes deutlich schneller als an eine schlecht imitierte Version des Gewohnten.

Wie lange dauert die Umstellung?

Meist eine bis zwei Wochen, wobei die ersten zwei bis drei Abende deutlich lauter sind. Wer nach zwei Abenden abbricht, hat nur den Protest erlebt und nie die Wirkung. Nach der Umstellung ist der Abend für alle entspannter.

Soll ich als bevorzugte Person im Haus bleiben?

Besser nicht in Hörweite, jedenfalls in den ersten Abenden. Ein Kind, das dich nebenan hört, hat einen Grund weiterzurufen. Später ist Anwesenheit unproblematisch, aber am Anfang verlängert sie die Sache erheblich.

Ist es schlimm, wenn wir es einfach so lassen?

Nur wenn es euch zu viel wird. Es gibt keinen Entwicklungsschritt, der davon abhängt. Problematisch wird es, wenn eine Person dadurch nie einen freien Abend hat oder wenn Krankheit und Abwesenheit zum Notfall werden.

Mein Kind weint dabei. Mache ich etwas falsch?

Nein, solange jemand dabeibleibt. Der Unterschied zwischen Weinen in Begleitung und Weinen im Alleinsein ist entscheidend. Dein Kind protestiert gegen eine Veränderung, und das darf es, während der andere Elternteil danebensitzt und bleibt.

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