Was dein Kind stark macht

Das Lob, das nach hinten losgeht

Manches Lob macht Kinder mutiger, anderes vorsichtiger. Der Unterschied liegt an einer einzigen Stelle, und er ist im Alltag leicht umzusetzen.

Von Sarah Mann · 10 Minuten Lesezeit

Das Lob, das nach hinten losgeht

Zwei Sätze, gesagt zum selben Kind nach derselben Aufgabe.

„Du bist echt klug.“

„Du hast lange daran gesessen und es dreimal anders probiert.“

Sie klingen ähnlich freundlich. Sie wirken gegensätzlich.

Der erste macht das Kind vorsichtiger. Der zweite macht es mutiger.

Warum das eine Lob bremst

Wer für eine Eigenschaft gelobt wird, bekommt einen Titel. Und wer einen Titel hat, kann ihn verlieren.

Für ein Kind, das als klug gilt, ist eine schwierige Aufgabe damit ein Risiko. Klappt sie nicht, steht der Titel in Frage. Die sichere Strategie liegt auf der Hand: Eine leichtere Aufgabe wählen.

Genau das beobachtet man in Untersuchungen zu Lob und Aufgabenwahl. Kinder, die für ihre Fähigkeit gelobt wurden, greifen anschließend häufiger zur einfachen Aufgabe. Kinder, die für ihre Anstrengung gelobt wurden, greifen häufiger zur schweren.

Der Unterschied liegt nicht in der Freundlichkeit. Er liegt darin, ob das Gelobte in der Hand des Kindes liegt.

Der einfache Test

Bevor du etwas sagst, prüfe einen einzigen Punkt: Kann das Kind das, was ich gerade lobe, morgen wieder tun?

Klug sein kann es nicht wiederholen. Es ist es, oder es ist es nicht.

Drei Anläufe machen kann es wiederholen. Um Hilfe fragen kann es wiederholen. Nach dem Fehler weitermachen kann es wiederholen.

BremstTrägt
„Du bist so ein Künstler.“„Du hast den Himmel dreimal übermalt, bis die Farbe stimmte.“
„Du bist gut in Mathe.“„Die Aufgabe war schwer, und du bist drangeblieben.“
„Du bist so ein liebes Kind.“„Du hast ihr geholfen, obwohl du gerade selbst geärgert warst.“
„Prima gemacht.“„Du hast angefangen, ohne dass ich dich erinnern musste.“

Die rechte Spalte hat einen Nebeneffekt, der oft unterschätzt wird: Sie zeigt dem Kind, dass jemand genau hingesehen hat.

Warum es sich zuerst falsch anfühlt

Die rechten Sätze sind länger und klingen ungewohnt. Viele Eltern finden sie am Anfang gestelzt und haben den Eindruck, sie würden ihr Kind zu wenig feiern.

Dazu zwei Dinge.

Erstens dauert die Umstellung ungefähr zwei Wochen, danach kommen die Sätze von allein.

Zweitens ist Beschreibung für Kinder nicht weniger warm als Bewertung, sondern mehr. „Toll gemacht“ kann man sagen, ohne hingesehen zu haben. Den anderen Satz nicht.

Wenn etwas misslungen ist

Der Blick auf das Vorgehen zahlt sich vor allem dann aus, wenn etwas nicht klappt. Denn er funktioniert auch dann noch.

Nicht: „Macht nichts, du bist trotzdem gut.“ Das Kind weiß, dass es nicht geklappt hat, und hört, dass darüber nicht gesprochen wird.

Sondern: „Was hast du probiert?“ Und danach: „Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?“

Damit bleibt der Fehler ein Arbeitsgegenstand statt eines Urteils. Genau das ist der Unterschied zwischen einem Kind, das Fehler versteckt, und einem, das sie erzählt.

Die Sache mit dem Dauerlob

Es gibt eine zweite Falle, und sie hat nichts mit der Formulierung zu tun: Lob, das ständig kommt.

Ein Kind, das für jede Kleinigkeit gefeiert wird, lernt zwei Dinge. Erstens, dass Lob nichts bedeutet, weil es immer kommt. Zweitens, dass ständig jemand bewertet.

Der zweite Punkt wiegt schwerer. Dauerlob ist Dauerbewertung, und ein Kind unter Dauerbewertung wird nicht sicherer, sondern aufmerksamer darauf, wie es gerade ankommt.

Vieles gelingt am besten unkommentiert.

Der Satz zum Mitnehmen

Lob, das eine Eigenschaft feiert, gibt dem Kind etwas zu verlieren. Lob, das beschreibt, was es getan hat, gibt ihm etwas zu wiederholen. Der zweite Satz ist länger und der einzige, der trägt.

Quellen und weiterführende Informationen

Häufige Fragen

Ist Loben schädlich?

Nein, aber es kommt darauf an, was gelobt wird. Lob für eine Eigenschaft macht Kinder vorsichtiger, weil sie diese Eigenschaft dann verteidigen müssen. Lob für das, was sie getan haben, macht sie mutiger, weil das Tun in ihrer Hand liegt.

Was ist der Unterschied zwischen Person- und Prozesslob?

Personlob beschreibt, wie das Kind ist: Klug, brav, musikalisch. Prozesslob beschreibt, was es gemacht hat: Lange drangeblieben, eine andere Lösung probiert, nochmal angefangen. Der zweite Typ lässt sich wiederholen, der erste nicht.

Warum wird ein gelobtes Kind vorsichtiger?

Weil es etwas zu verlieren hat. Wer für Klugsein gelobt wird, riskiert bei einer schweren Aufgabe den Titel. Die sichere Strategie heißt dann: Leichte Aufgaben wählen. Genau das beobachtet man in Untersuchungen zu Lob und Aufgabenwahl.

Soll ich gar nicht mehr „toll gemacht“ sagen?

Doch, das darf vorkommen, es trägt nur nichts. Es ist ein freundliches Geräusch. Wenn du etwas bewirken willst, sag stattdessen einen Satz, der beschreibt, was du gesehen hast.

Was mache ich, wenn etwas misslungen ist?

Denselben Blick auf das Vorgehen richten. Nicht trösten mit „macht nichts“ und nicht bewerten, sondern fragen, was das Kind probiert hat und was es beim nächsten Mal anders machen würde. Das hält den Fehler bearbeitbar.

Wirkt das auch bei größeren Kindern noch?

Ja, und bei Schulkindern besonders, weil dort Noten und Vergleiche dazukommen. Je mehr Bewertung von außen ein Kind erlebt, desto wichtiger wird eine Rückmeldung zu Hause, die sich auf das Vorgehen bezieht.

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