Gefühle und Selbstregulation

Das Gefühl, das kein Kind zeigt

Scham sieht aus wie Trotz, Frechheit oder Wut und wird deshalb fast immer falsch behandelt. Woran du sie erkennst und was in genau diesem Moment hilft.

Von Sarah Mann · 10 Minuten Lesezeit

Das Gefühl, das kein Kind zeigt

Ein Kind kippt beim Essen das Glas um. Ein Erwachsener sagt: „Mensch, pass doch auf.“ Und das Kind wird laut, wirft die Gabel hin und schreit, dass es das Essen sowieso nicht mag.

Von außen sieht das nach Frechheit aus. Es ist etwas anderes.

Scham ist das Gefühl, das kein Kind zeigt, weil das Zeigen selbst das Problem wäre.

Was Scham von Wut unterscheidet

Beide Gefühle sind laut, und beide kommen plötzlich. Der Unterschied liegt in der Richtung.

Ein Kind in Wut will etwas erreichen. Es kommt auf dich zu, es fordert, es diskutiert.

Ein Kind in Scham will verschwinden. Es dreht sich weg, es versteckt das Gesicht, es geht aus dem Raum. Und wenn es das nicht kann, greift es an, denn Angriff ist der schnellste Weg, den Blick von sich wegzulenken.

WutScham
Bewegung auf dich zuBewegung von dir weg
Blickkontakt wird gesuchtBlickkontakt wird vermieden
Es geht um eine SacheEs geht um die eigene Person
Wird lauter, wenn du nachgibstWird lauter, wenn du hinschaust
Danach ansprechbarDanach erst noch verschlossen

Die vierte Zeile ist im Alltag am nützlichsten. Wenn ein Kind heftiger reagiert, je genauer du hinsiehst, ist es fast immer Scham.

Warum Scham so schwer wiegt

Schuld und Scham werden oft in einen Topf geworfen und sind zwei verschiedene Dinge.

Schuld sagt: Ich habe etwas Falsches getan. Sie ist unangenehm und führt zu etwas: Entschuldigen, Aufräumen, Wiedergutmachen.

Scham sagt: Ich bin falsch. Und daraus folgt nichts Konstruktives, denn man kann die eigene Person nicht aufräumen. Es bleiben zwei Wege: Verstecken oder angreifen.

Deshalb ist es keine Kleinigkeit, ob ein Satz die Handlung oder das Kind meint.

„Der Teller ist runtergefallen.“ ist eine Handlung. „Du bist so ein Tollpatsch.“ ist eine Person.

Die typischen Auslöser

Scham entsteht selten aus der Sache selbst. Sie entsteht daraus, dass jemand zusieht.

Die häufigsten Auslöser im Familienalltag sind übersichtlich: Ein Missgeschick vor anderen, eine Ermahnung mit Publikum, ein Vergleich mit einem Geschwisterkind, ein Nachfragen, obwohl schon klar ist, was passiert ist, und Nachahmung des kindlichen Verhaltens durch Erwachsene, auch die freundlich gemeinte.

Alle fünf haben dasselbe gemeinsam: Das Kind wird zum Gegenstand der Aufmerksamkeit anderer.

Was in diesem Moment hilft

Das Wirksamste ist unspektakulär und fällt Erwachsenen schwer, weil es aussieht wie Nichtstun.

Publikum wegnehmen. Aus dem Raum gehen, den Tisch verlassen, das Gespräch verschieben. Nicht das Kind bestrafen, sondern die Zuschauer entfernen.

Nähe ohne Blick. Sich danebensetzen, statt sich gegenüberzustellen. Nebeneinander ist bei Scham deutlich erträglicher als gegenüber.

Nichts erklären. Ein Kind in Scham kann keine Erklärung aufnehmen. Jeder Satz über die Sache verlängert den Moment.

Die Situation praktisch beenden. Lappen holen, weitermachen, Thema wechseln. Das ist keine Verharmlosung, sondern ein Ausgang.

Und später, wenn es wieder ansprechbar ist, kann man reden. Meist reicht dann ein Satz.

Der Satz danach

„Vorhin war dir das unangenehm. Mir passiert das auch, und dann will ich am liebsten weg.“

Zwei Dinge stecken darin. Das Gefühl bekommt einen Namen, und es bekommt Gesellschaft.

Der zweite Teil wirkt stärker, als er klingt. Scham lebt davon, dass man sich für den Einzigen hält. Ein Erwachsener, der zugibt, dass er das kennt, nimmt genau diese Voraussetzung weg.

Was Scham nicht leistet

Es gibt die Vorstellung, dass ein bisschen Scham nützlich sei, damit Kinder Regeln ernst nehmen.

Sie leistet das nicht. Ein Kind, das sich schämt, wird nicht regeltreuer. Es wird besser darin, nicht aufzufallen, weil sich die Scham nicht auf die Handlung bezieht, sondern auf die Person.

Was Regeln beibringt, ist etwas anderes: Klarheit, Wiederholung und eine Reaktion, die dieselbe bleibt, ob jemand zusieht oder nicht.

Wann es mehr ist

Wenn ein Kind sich häufig und für Kleinigkeiten schämt, wenn es sich selbst abwertet, wenn es Situationen meidet, in denen es beobachtet werden könnte, oder wenn es auf Fehler mit Verzweiflung reagiert, geht es nicht mehr um einzelne Momente.

Dann ist das Selbstbild betroffen, und dafür lohnt sich ein Blick von außen. Erziehungsberatungsstellen sind kostenlos und vertraulich.

Der Satz zum Mitnehmen

Ein Kind, das plötzlich frech wird, während du es ansiehst, schämt sich meistens. Es braucht in diesem Moment keine Erklärung und keine Konsequenz, sondern weniger Zuschauer.

Quellen und weiterführende Informationen

Häufige Fragen

Ab wann empfinden Kinder Scham?

Etwa ab dem zweiten Geburtstag, sobald ein Kind sich selbst als jemanden erlebt, der von außen betrachtet wird. Scham gehört damit zu den späteren Gefühlen und setzt ein Selbstbild voraus.

Woran erkenne ich Scham bei meinem Kind?

An einer Bewegung weg von dir statt zu dir: Wegdrehen, Gesicht verstecken, aus dem Raum gehen. Und an plötzlicher Härte, die nicht zur Situation passt. Ein Kind in Wut will etwas erreichen. Ein Kind in Scham will verschwinden.

Was ist der Unterschied zwischen Scham und Schuld?

Schuld bezieht sich auf eine Handlung: Ich habe etwas Falsches getan. Scham bezieht sich auf die Person: Ich bin falsch. Schuld führt zu Wiedergutmachung, Scham führt zu Verstecken oder Angriff.

Was sage ich, wenn mein Kind sich schämt?

Möglichst wenig, und nichts über die Sache selbst. Nähe herstellen, ohne Blickkontakt zu erzwingen, und die Situation ohne Publikum beenden. Erklärungen kommen später, wenn das Kind wieder ansprechbar ist.

Ist Scham nützlich, damit Kinder Regeln lernen?

Nein. Regeln lernen Kinder über Klarheit und Wiederholung. Scham macht sie nicht regeltreuer, sondern nur besser darin, nicht erwischt zu werden, weil sie sich auf die Person bezieht statt auf die Handlung.

Wann sollte ich genauer hinschauen?

Wenn ein Kind sich häufig für Kleinigkeiten schämt, wenn es sich selbst abwertet oder wenn es Situationen meidet, in denen es beobachtet werden könnte. Dann geht es um das Selbstbild, und ein Blick von außen lohnt sich.

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