Was dein Kind stark macht
Der andere kann das besser
Vergleichen ist ein normaler Entwicklungsschritt und wird zum Problem, wenn es der einzige Maßstab bleibt. Wie du einen zweiten Maßstab aufbaust, den dein Kind selbst kontrollieren kann.
Von Sarah Mann · 10 Minuten Lesezeit

Es fängt oft im ersten Schuljahr an, und es klingt in fast jeder Familie ähnlich.
„Der Lukas kann schon lesen.“ „Die Mia ist viel schneller.“ „Ich bin der Schlechteste in der Gruppe.“
Für Eltern ist das schwer anzuhören, weil man sofort widersprechen will.
Der Vergleich selbst ist aber kein Problem. Er wird eines, wenn er der einzige Maßstab bleibt.
Warum Kinder anfangen zu vergleichen
Kleine Kinder schätzen sich unrealistisch gut ein. Ein Vierjähriger hält sich für den Schnellsten, obwohl er es nicht ist, und das ist völlig in Ordnung.
Etwa ab fünf bis sechs Jahren ändert sich das. Kinder werden fähig, sich systematisch mit anderen zu vergleichen, und mit dem Schuleintritt bekommen sie dafür eine Umgebung, die genau darauf gebaut ist.
Das ist ein Entwicklungsschritt und kein Rückschritt. Die Fähigkeit, sich realistisch einzuordnen, gehört zum Erwachsenwerden.
Unangenehm ist nur, was sie im ersten Jahr anrichtet.
Warum Widersprechen nicht hilft
Der erste Impuls ist, das Kind zu beruhigen. „Das stimmt doch gar nicht.“ „Du bist auch gut.“ „Dafür kannst du super malen.“
Alle drei Sätze haben denselben Effekt: Das Kind hört, dass sein Eindruck nicht ernst genommen wird. Und der dritte ist ein Themenwechsel, den auch ein Sechsjähriger sofort erkennt.
Was stattdessen trägt, ist zuerst ein Satz, der stehen lässt, was ist.
„Ja, der Lukas liest schneller als du. Und das fühlt sich blöd an.“
Damit ist die Sache benannt, und das Kind muss seine Wahrnehmung nicht mehr gegen dich verteidigen. Erst danach lohnt sich der zweite Schritt.
Der zweite Maßstab
Der eigentliche Hebel liegt darin, einen Maßstab danebenzustellen, den das Kind selbst kontrolliert.
Nicht: Wer ist der Beste in der Klasse? Sondern: Wie war es bei dir vor drei Monaten?
| Maßstab von außen | Maßstab von innen |
|---|---|
| Wer ist der Schnellste? | Wie schnell warst du im Sommer? |
| Wie viele haben mehr Punkte? | Welche Aufgabe kannst du jetzt, die vorher nicht ging? |
| Wer wurde zuerst fertig? | Wie lange hast du diesmal durchgehalten? |
| Hängt an den anderen | Hängt an dir |
Der zweite Maßstab schafft den ersten nicht ab. Er nimmt ihm die Alleinstellung. Und ein Kind mit zwei Maßstäben ist nicht mehr davon abhängig, wie die anderen abschneiden.
Damit das funktioniert, muss der Verlauf sichtbar sein. Ein altes Bild neben ein neues legen. Ein Heft von vor einem Jahr aufschlagen. Aufschreiben, was im Frühjahr noch schwer war. Kinder erinnern sich schlecht an ihr eigenes Vorher, deshalb muss man es aufbewahren.
Wo Erwachsene das Vergleichen selbst einbauen
Ein Teil des Vergleichens kommt von außen, und ein Teil aus dem eigenen Haus.
Der offensichtliche Fall sind Sätze wie „Schau mal, deine Schwester schafft das doch auch.“
Der weniger offensichtliche ist das Lob für ein Kind, das ein anderes mithört. „Du hast aber schön aufgeräumt“ ist für das Geschwisterkind im Nebenzimmer eine Positionsmeldung.
Und der am wenigsten offensichtliche sind Erwachsene, die sich selbst laut vergleichen. Kinder hören genau zu, wenn Eltern über andere Familien, andere Kinder oder ihre eigene Arbeit sprechen.
Wenn das Vergleichen nach unten geht
Manche Kinder reagieren anders: Sie vergleichen sich mit denen, die schlechter sind, und betonen das.
Das sieht überheblich aus und ist meistens dasselbe Problem von der anderen Seite. Wer sich unsicher fühlt, sucht jemanden, gegen den er gut dasteht.
Ermahnungen helfen hier wenig. Was hilft, ist derselbe zweite Maßstab, denn ein Kind, das seinen eigenen Fortschritt sehen kann, braucht die Rangliste weniger.
Wann es mehr ist
Es gibt eine Grenze, an der aus Vergleichen etwas anderes wird.
Wenn ein Kind über Monate abwertend über sich spricht. Wenn es Dinge aufgibt, die es gern gemacht hat, weil es dort nicht das Beste ist. Wenn es sich sozial zurückzieht oder Bauchschmerzen vor der Schule bekommt.
Dann geht es nicht mehr um Einordnung, sondern um das Selbstbild, und dafür lohnt sich ein Blick von außen. Erziehungsberatungsstellen sind kostenlos und vertraulich.
Der Satz zum Mitnehmen
Ein Kind, das sich nur an anderen misst, hängt an einem Wert, den es nicht beeinflussen kann. Der Ausweg ist kein Widerspruch, sondern ein zweiter Maßstab: Sein eigenes Vorher, sichtbar aufbewahrt.
Quellen und weiterführende Informationen
- IFP Familienhandbuch: Erziehung zur Selbstachtung — das Staatsinstitut für Frühpädagogik dazu, woran Kinder ihren Wert festmachen und wie Erwachsene das beeinflussen.
- Carol Dweck, Stanford University — Untersuchungen dazu, wie Rückmeldungen darüber entscheiden, ob Kinder auf Vergleich oder auf eigenen Fortschritt schauen.
- Bundeskonferenz für Erziehungsberatung — Beratungsstellen, wenn aus Vergleichen eine dauerhafte Abwertung der eigenen Person wird.
Häufige Fragen
Ab wann vergleichen sich Kinder?
Systematisch ab etwa fünf bis sechs Jahren, mit dem Schuleintritt deutlich stärker. Vorher schätzen Kinder sich meist unrealistisch gut ein. Der Vergleich ist ein Entwicklungsschritt und kein Rückschritt, auch wenn er unangenehm aussieht.
Ist Vergleichen schädlich?
Nicht an sich. Problematisch wird es, wenn es der einzige Maßstab ist. Ein Kind, das sich nur an anderen misst, hängt an einem Wert, den es nicht beeinflussen kann. Ein zweiter Maßstab entschärft das, ohne den ersten abzuschaffen.
Was ist der zweite Maßstab?
Der Vergleich mit sich selbst zu einem früheren Zeitpunkt. Nicht „wer ist der Schnellste“, sondern „wie war es bei dir vor drei Monaten“. Dieser Maßstab liegt in der Hand des Kindes, und deshalb trägt er.
Soll ich sagen, dass mein Kind in etwas anderem gut ist?
Das ist gut gemeint und wirkt selten. Es ist ein Themenwechsel, und das Kind merkt ihn. Bleib erst bei der Sache, um die es geht, und benenne, dass es schwer ist, wenn ein anderer etwas besser kann.
Wie gehe ich mit Vergleichen unter Geschwistern um?
Vergleiche zwischen den eigenen Kindern möglichst ganz vermeiden, auch die freundlichen. Ein Lob für das eine Kind, das das andere hört, wird als Rangliste verstanden. Sprich mit jedem Kind über sein eigenes Vorher und Nachher.
Wann sollte ich genauer hinschauen?
Wenn der Vergleich zu dauerhafter Abwertung der eigenen Person führt, wenn ein Kind Dinge aufgibt, die es gern gemacht hat, oder wenn es sich sozial zurückzieht. Dann geht es nicht mehr um Einordnung, sondern um das Selbstbild.


